Moskau

Leitartikel: Rätselhaftes Wesen Russlands

Heiliges Russland, dekadenter Westen? Oder aufgeklärter Westen, autokratisches Russland? – Europa und sein östlicher Nachbar verstehen einander nur wenig.

Wladimir Putin und die Orthodoxie
Der Spitze der Orthodoxie geht es darum, die als christlich imaginierte Tradition und Identität Russlands gegen eine Verwestlichung zu verteidigen. Im Bild: Russlands PräsidentPutin und Patriarch Kyrill, Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche. Foto: Sergei Chirikov (EPA)

„Russland ist ein Rätsel innerhalb eines Geheimnisses, umgeben von einem Mysterium“, sagte einst Winston Churchill. Seither hat sich alles verändert, doch Rätsel und Mysterium ist uns Russland geblieben. Die westlichen Ideen von Demokratie, Pluralismus, Freiheitsrechten und gesellschaftlichem Fortschritt scheinen nicht zu verfangen in dieser Föderation, die Wladimir Putin seit 1999 autokratisch regiert – und nach der am 1. Juli gebilligten Verfassungsreform vielleicht noch bis 2036 führt.

Der Westen scheint gottlos und dekadent

Der Hierarchie der russischen Orthodoxie sind die Festschreibung der Ehe als Gemeinschaft von Mann und Frau sowie die Erwähnung Gottes in der Verfassung weit wichtiger als der Parlamentarismus und die Rechtsstaatlichkeit. Patriarch Kyrill und sein Heiliger Synod fürchten nichts mehr als eine Verwestlichung Russlands, denn der Westen scheint ihnen gottlos und dekadent. Die Ausweitung des Ehe- und Familienbegriffs auf homosexuelle Paare gilt als sichtbarstes Indiz dafür.

Fassungslos macht die Orthodoxie nicht nur die Leichtfertigkeit, mit der westliche Gesellschaften Ehe, Familie, Tradition und Glaube über Bord werfen, sondern auch der viel zu schüchterne, leise, kaum spürbare Widerstand europäischer Christen dagegen. Im ökumenischen Dialog sucht die russische Hierarchie – anders als der Vatikan – nicht die Kircheneinheit, sondern den Schulterschluss gegen Sittenverfall und den Niedergang spiritueller Werte.

Kein Zweifel, dass da mehrere Splitter im Auge der zeitgenössischen Europäer treffend diagnostiziert werden. Umgekehrt darf auch der Balken im russischen Auge benannt werden: Dekadenz und Sittenverfall werden singulär im Westen verortet, obwohl Russland selbst rekordverdächtige HIV-, Abtreibungs- und Scheidungsraten aufweist, obwohl Korruption und – von Putin weithin verstaatlicht – Kriminalität blühen und die soziale Schere weit ist.

Putin als Erneuerer der nationalen Identität

Der Spitze der Orthodoxie geht es darum, die als christlich imaginierte Tradition und Identität Russlands gegen eine Verwestlichung zu verteidigen. Putin spielt dabei die Rolle des Erneuerers der nationalen Identität, der Russland wieder zu Größe und Ehre verhilft – und den kulturellen Einflüssen des Westens mutig Widerstand entgegensetzt. Die Nennung Gottes in der Verfassung gehört zu dieser Identitätspolitik.

Artikel 67 der neuen Verfassung lautet: „Die von einer tausendjährigen Geschichte vereinte Russische Föderation bewahrt die Erinnerung an ihre Vorfahren, die uns Ideale, den Glauben an Gott und Kontinuität in der Entwicklung des russischen Staates vermittelten.“ In den Blick gerückt werden die Vorfahren, die neben anderem den Gottesglauben tradierten. Der Glaube sei hier nur eines der Attribute der Tradition, meint Andrej Desnitsky, Bibelwissenschaftler an der Akademie der Wissenschaften in Moskau. Es gehe somit „um eine Stammesreligion“. Die „Freie Historische Gesellschaft“ lehnt nicht nur die Fiktion einer „tausendjährigen Geschichte“ Russlands ab, sondern warnt davor, ein vermeintlich richtiges Geschichtsverständnis mit politischen Instrumenten durchzusetzen.

Wie Putin die Sowjet-Geschichte in eine verklärte Gesamtschau der Geschichte Russlands integriert und so ihre Schatten verdrängt, deutet die Orthodoxie trotz aller historischen Brüche ihre Rolle als Kontinuität: Die in der neuen Verfassung genannten Ahnen, die den Gottesglauben ins Heute trugen, das waren eben ihre Leute.

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