Würzburg

Leitartikel: Prophetie oder Totalitarismus?

Die Klimaschutzdebatte wird radikaler und unduldsamer. Die Bischöfe sollten das sehen - und sich mit konkreten Positionierungen maximal zurückhalten.
Greta Thunbergs Rede beim UN-Klimagipfel
Foto: Jason Decrow (FR103966 AP) | Greta Thunbergs tränenreicher Auftritt beim UN-Klimagipfel bleibt in Erinnerung. Von sich darin ausdrückender prophetischer Wut sprechen die einen, von quasi-sowjetischem Totalitarismus die anderen.

Mit dem UN-Gipfel für Nachhaltigkeit in New York hat die internationale Klimaschutzdebatte einen neuen Höhepunkt erreicht – und ist um einen ikonischen Moment reicher. Während sich an Angela Merkels Rede wahrscheinlich auch sie selber nur noch schemenhaft erinnern kann, bleibt Greta Thunbergs tränenreicher Auftritt – „how dare you!“ – im Gedächtnis. Von sich darin ausdrückender prophetischer Wucht sprechen die einen, von quasi-sowjetischem Totalitarismus die anderen.

Kirche muss im Blick haben, dass Radikalität zunimmt

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Derweil gewinnt auch die innerdeutsche Polarisierung neue Qualität. In Berlin haben Linksextremisten einen Brandanschlag auf die Berliner S-Bahn verübt, um den Zugang zum Flughafen zu erschweren. Wächst hier ein Ökoterrorismus von links heran? Von Instrumentalisierung der „Fridays for Future“-Bewegung beeilen sich die Medien zu sprechen. Interessant, dass Linksextremisten linke Bewegungen offenbar grundsätzlich gegen ihren Willen kapern, während Bewegungen rechts der Mitte immer eine Scharnierfunktion haben, extremistische Ausschläge gleichsam bruchlos aus ihnen hervorgehen. Gleichviel, Radikalität und Unduldsamkeit nehmen zu. Und die Kirche täte gut daran, das im Blick zu haben. Die Glocken läuten zu lassen und mit wässrigen Augen auf eine Jugend zu schauen, die etwas unbedingt will, ist zu wenig. Die Bischöfe schießen klimapolitisch derweil aus allen Rohren. Kardinal Marx sandte ein Schreiben nach New York. Der Papst warnt vor der Leugnung des Klimawandels. Und Jugendbischof Oster lief gar bei den „Fridays for Future“-Demos mit.

Keine Frage: Die Sorge um das gemeinsame Haus der Erde ist berechtigt und Bischöfe dürfen und müssen hier ethische Orientierung geben. Die „Fridays for Future“-Bewegung ist aber nicht so unschuldig, wie manche Bischöfe meinen – sie muss es auch nicht sein. Aber man sollte nicht übersehen, dass sie konkrete politische Forderungen hat, die mit radikal noch zurückhaltend umschrieben sind. Alternativlosigkeit und Radikalität vertragen sich aber schlecht mit dem politischen Gespräch der Demokratie. Diese lebt vom Austausch der Argumente, vom Für und Wider. Es kann, entwickeln sich die Dinge weiter in dieser Geschwindigkeit, sehr gut sein, dass die Umwelt geschützt wird, die Demokratie aber als das neben der Natur zweite gemeinsame Haus schweren Schaden nimmt.

Die Bischöfe sollten maximale Zurückhaltung üben

Anders als beim unbedingt geltenden Lebensrecht von seinem natürlichen Anfang bis zum Ende handelt es sich beim Umweltschutz zudem im Einzelfall um Abwägungsfragen, die auf prinzipiell bestreitbaren Tatsachenbehauptungen basieren. So ist schon jetzt die Diskussion erlaubt, ob die gigantischen Anstrengungen zur Begrenzung der globalen Temperaturzunahme zwar notwendig sind aber unrealistisch, ob die finanziellen und politischen Ressourcen also nicht lieber in die Dämpfung der Folgen des Klimawandels investiert werden sollten. Darüber nachzudenken ist kein Verbrechen. Wie es vorher noch trotz des großen und natürlich ernst zu nehmenden Konsenses unter Klimawissenschaftlern erlaubt sein muss, Skepsis walten zu lassen, ob die Grundannahmen überhaupt stimmen. Immunisierung gegen Einwände schadet Wissenschaft und Demokratie gleichermaßen. Von den Folgen des Klimaschutzes für Wirtschaft und sozialen Zusammenhalt hat man da noch gar nicht geredet. Kurzum: Bischöfe sollten auf dem Feld legitimen Streits maximale Zurückhaltung üben.

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