Leitartikel: Politischer Kardinalfehler

Von Johannes Seibel
Foto: DT | Johannes Seibel.
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Der Westen verhält sich nach dem gewaltsamen Tod des islamistischen Topterroristen Osama bin Laden politisch erstaunlich unklug. Das Vokabular der Kommentierung ist nämlich kein nüchtern politisches, sondern ein überhöhtes emotional-moralisches, das ins Religiöse spielt. Der amerikanische Präsident Barack Obama erklärt mit der Tötung bin Ladens den 11. September 2001 für gesühnt und der Gerechtigkeit Genüge getan. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel „freut“ sich, dass es gelungen ist, bin Laden „zu töten“. Das alles öffnet der Interpretation Tür und Tor, als sei dem Westen zuerst an Rache nach dem alttestamentarischen Wort des „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ gelegen, als fühle sich der Westen in einem gleichsam theologischen Sinn als oberster Weltenrichter.

So tappen der Westen und seine demokratischen Führer in zwei Fallen. Die erste: Sie liefern genau die Stichworte, die die islamistische Propaganda für ihre Legitimierung des Terrors braucht, wonach sich der Westen in einem christlichen Kreuzzug gegen den gesamten Islam befindet. Gleich schnappt die zweite Falle zu: Der Westen unterläuft damit seine eigene – richtige – Strategie, streng zwischen dem Phänomen Osama bin Laden und dem Islam zu unterscheiden. Der westliche Vorwurf der Instrumentalisierung der Religion durch islamistische Terrororganisationen soll zwar die Weltreligion Islam von einem Generalverdacht entlasten. Aber das wirkt widersprüchlich, wenn der Westen auf den Tod bin Ladens seinerseits moralisch bis religiös aufgeladen reagiert. Auf mittlere Sicht wird so dem „Kampf der Kulturen“ und damit dem islamistischen Terrorismus nicht der Boden entzogen, sondern immer neue Munition geliefert.

Zur politischen Klugheit gehört es, eigene Erfolge nicht triumphalistisch zu feiern, sondern den Gegner das Gesicht wahren zu lassen. Das gilt gerade für den Islam und den arabischen Raum, was heute zum kulturellen Allgemeinwissen gehören sollte. Aber auch andere historische Beispiele zeigen – so etwa das Ende des Ersten Weltkrieges, das mit dem Versailler Vertrag schon den Keim des Zweiten Weltkrieges in sich trug –, dass nichts schwieriger ist, als einen militärischen Erfolg in einen dauerhaften politischen umzumünzen. Die Münze des Erfolgs in der internationalen Politik aber ist der Friede.

Neben der Klugheit kennt der Westen und seine griechisch-römisch-jüdisch-christliche Kultur drei weitere Kardinaltugenden: Gerechtigkeit, Maß und Tapferkeit. Letztere nützt ohne Klugheit, Maß und Gerechtigkeit jedoch nichts. An dieser Einsicht hat es dem Westen unmittelbar nach dem Tod von Osama bin Laden eklatant gemangelt. Wenn der Westen sich politisch nicht schnell auf diese seine vier Kardinaltugenden und ihr richtiges Verhältnis besinnt, dann verspielt er eine einmalige historische Chance. Der Aufbruch der Jugend in den arabischen Autokratien nämlich, der eben nicht auf einen islamistischen Gottesstaat zielt, das gesellschaftliche Gären im Iran, die allmähliche Abnützung des islamistischen Terrors – alles das wären Anknüpfungspunkte für eine neue Politik des Westens. Haben Barack Obama und Angela Merkel und alle anderen westlichen Führer dafür die notwendige Weitsicht? Ihre Reaktionen nach dem Tod Osama bin Ladens hinterlassen daran Zweifel.

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