Leitartikel: Pell und die Pest des Missbrauchs

Von Guido Horst
Foto: DT | Guido Horst.

Stellvertretend für viele hat Kardinal George Pell eine denkwürdige Befragung durch eine australische Regierungskommission über sich ergehen lassen müssen. In einem römischen Hotel, per Videoschaltung mit den Richtern in Australien verbunden, der dortigen Ortszeit entsprechend mitten in der Nacht, und das an vier hintereinander folgenden Tagen, in Anwesenheit von etwa fünfzehn Opfern, die in den siebziger Jahren von Klerikern missbraucht worden waren. Die Zahl aller gequälten Kinder und Jugendlichen – es dreht sich vor allem um Pells Heimatbistum Ballarat – ist wesentlich höher. Ein Opfer hat sich umgebracht.

Bei der nächtlichen Anhörung des Kurienkardinals ist kein „rauchender Colt“ aufgetaucht. Die Richter haben Pell keiner schlimmen Tat bezichtigen können. Ihr maximaler und von den Medien natürlich aufgegriffener Vorwurf: „Es kann nicht sein, dass Sie nicht mehr gewusst haben“, stützt sich auf die Tatsache, dass der junge Pell ein Berater des damals schuldig gewordenen Ortsbischofs Ronald Mulkearns von Ballarat war – aber das reicht nicht für eine Anklage oder einen Urteilsspruch.

Dennoch breitet die fast zwanzigstündige Befragung des Kurienkardinals das ganze Panorama dessen aus, wie sehr die Pest des sexuellen Missbrauchs die Kirche ergriffen hatte: Kleriker, die sich notorisch an Schutzbefohlenen vergriffen, Bischöfe und Verantwortliche, die diese Verbrechen vertuschten und die Schuldigen versetzten, eine „Kultur des Schweigens“, die nur den Skandal von der Kirche fernhalten wollte und die Opfer nicht ernst nahm oder sogar als das eigentliche Problem betrachtete. Es war der Glaubenspräfekt Joseph Ratzinger, der diesem Schweigen den Kampf angesagt und die Zuständigkeit für Missbrauchsfälle nach Rom gezogen hat. Als Papst schuf er dann ein Regelwerk von Normen und Regeln, die es dem Vatikan ermöglichten, entschieden gegen diese Krankheit vorzugehen.

Aber das eine sind Regeln, das andere ist die Mentalität. In die Vernehmung Pells platzte die Nachricht, dass in der recht unbekannten Diözese Altoona-Johnstown in den Vereinigten Staaten der emeritierte Bischof Joseph Adamec und sein Vorgänger James J. Hogan über vierzig Jahre lang Missbrauchsfälle vertuscht und die Vergehen von fünfzig Priestern und Ordensleuten systematisch verschwiegen haben, um dem Ansehen der Kirche nicht zu schaden. Es kommt alles raus. Wie auch der jetzt mit dem Oscar ausgezeichnete Film „Spotlight“ lehrt, der die Missbrauchsskandale in der Kirche wieder auf die große Bühne getragen hat. Aber immer noch machen sich Geistliche – nicht nur in Irland oder den Vereinigten Staaten, sondern auch in Italien oder in Deutschland – genau dieser Vergehen schuldig. Man weiß, dass die meisten Missbrauchsfälle nicht durch Geistliche, sondern in den Familien der Opfer geschehen und Vertuschen und Versetzen genauso an säkularen Schulen oder im Verbandssport üblich war. Aber die Befragung Kardinal Pells zeigt, dass die Öffentlichkeit umso betroffener reagiert, wenn geweihte Männer der Kirche die Täter sind, die schutzlosen Heranwachsenden die Liebe Gottes lehren und nicht in das Elend eines Missbrauchten stürzen sollten.

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