Leitartikel: Panorthodoxe Grabenkämpfe

Von Stephan Baier
Stephan Baier.
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Kaum eine ökumenische Fachtagung geht vorüber, ohne dass wenigstens ein Redner die These vertritt, der päpstliche Primat sei das größte oder gar letzte theologische Problem im katholisch-orthodoxen Dialog. Stets wird dann Johannes Paul II. zitiert, der in seiner Enzyklika „Ut unum sint“ schrieb, er vernehme, „die an mich gerichtete Bitte, eine Form der Primatsausübung zu finden, die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet“. Die Vorstellung, der Papst müsse lediglich seine Jurisdiktion relativieren und sich mit dem „Vorsitz in der Liebe“ begnügen, schon werde das Schisma von 1054 überwunden und die volle Kircheneinheit zwischen katholischer und orthodoxer Welt wiederhergestellt, ist reichlich naiv. In der Orthodoxie wird nicht bloß die Ausübung des Primats in Frage gestellt, sondern seine Lehre: die „höchste, volle, unmittelbare und universale Seelsorgsgewalt“, die das Zweite Vatikanum „aufgrund göttlicher Einsetzung“ Petri Nachfolger zuschreibt, ist der Orthodoxie fremd.

Einen „Hirt aller Gläubigen“ kann die Orthodoxie nicht akzeptieren, und die Uneinigkeit, die sie nun – zehn Tage vor dem geplanten Beginn des Panorthodoxen Konzils – demonstriert, hat damit zu tun. Das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel, das sich für die Einheit der Orthodoxie verantwortlich weiß, ist in Alarmbereitschaft. Am Montag tagte der Heilige Synod als Krisensitzung, nachdem die Bulgaren kurzfristig gedroht hatten, dem Konzil fernzubleiben, wenn das im Januar von allen 14 autokephalen orthodoxen Kirchen verabschiedete Ökumene-Papier nicht noch umgeschrieben wird. Wer die Hürden zur Einheit von katholischer und orthodoxer Kirche vermessen will, blicke nicht nur auf den römischen Primat, sondern auch auf die Uneinigkeit innerhalb der Orthodoxie: Da streiten Moskau und Konstantinopel über die Jurisdiktionen in Estland und in der Ukraine, da streiten die Patriarchen von Jerusalem und Antiochia um die Zuständigkeit für die arabischen Golfstaaten, da liegen Belgrad und Bukarest im Clinch, da wollen Griechen, Georgier und Bulgaren sich von Konzilsvorlagen distanzieren. Zehn Tage vor dem Beginn des als Jahrtausendereignis angekündigten „Heiligen und Großen Konzils“ ist fraglich, ob es überhaupt stattfindet. Und falls doch, ob es Beschlüsse zustande bringt, denn es mangelt in der Orthodoxie an einem Amt der Einheit. Der Ökumenische Patriarch ist ein weiser spiritueller Moderator, kein starkes Oberhaupt.

Gerungen wird auch, aber nicht ausschließlich, um Machtfragen. Darum kann Patriarch Bartholomaios noch so sehr für ein harmonisches Konzil werben – wenn einzelne autokephale Kirchen es boykottieren oder Moskau es inopportun finden sollte, wird es scheitern. Doch der innerorthodoxe Dissens reicht bis in theologisch gewichtige Fragen: Mehrere orthodoxe Kirchen sind mit der Vorlage zum Ehesakrament nicht einverstanden, weil diese zwar die Eheschließung zwischen Orthodoxen und Nicht-Christen weiter verbietet, für die grundsätzlich unerlaubte Ehe zwischen Orthodoxen und nicht-orthodoxen Christen jedoch die Möglichkeit einer Dispens vorsieht. Die gemischt-konfessionelle Ehe ist ein Streitpunkt zwischen orthodoxen Kirchen, weil für manche Orthodoxen die Ökumene an sich eine Häresie und jede nicht-orthodoxe Kirche eine Sekte ist.

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