Leitartikel: Ostern geht in die Tiefe

Von Markus Reder
Foto: DT | Markus Reder.
Foto: DT | Markus Reder.

„Frohe Ostern“ wünscht man sich jetzt wieder. Geht das überhaupt? Ist das nicht leichtfertig, ja gedankenlos dahingesagt? Wie kann man froh sein angesichts von Krieg, Leid und Terror in der Welt. Wie kann man sich freuen angesichts der unermesslichen Brutalität, mit der die Mörderbanden des „Islamischen Staates“ ihre bestialische Blutspur durch einstige Hochkulturen ziehen? Wie kann man Halleluja singen inmitten all der Tränen nach der Flugzeugkatastrophe in Südfrankreich? Ja, man kann – aber eben nur dann, wenn man die Auferstehungsbotschaft wirklich ernst nimmt. Es gibt keinen größeren Gegensatz als Ostern und Oberflächlichkeit. Ostern geht nicht oberflächlich. Ostern geht in die Tiefe. In die ganze Tiefe menschlicher Existenz.

Einer säkularisierten Gesellschaft, die Oberflächlichkeit zum Lebensprinzip erhoben hat, lässt sich schwer vorwerfen, dass ihr das Sensorium abhandengekommen ist, um Ostern in dieser Tiefendimension zu verstehen. Viel schlimmer ist daher etwas anderes: Es waren Theologen, die maßgeblich dazu beigetragen haben, Ostern oberflächlich zu machen. Exegeten haben den Osterglauben entkernt, indem sie den Christus des Glaubens vom historischen Jesus geschieden und die Leiblichkeit der Auferstehung als frommes Hirngespinst abgetan haben.

Das hat gewaltige Folgen – bis heute. Zwar hat gottlob längst theologische Erneuerung und Neubesinnung eingesetzt. Nicht zuletzt die Jesus-Bücher von Benedikt XVI. spielen hier eine heilsame Rolle. Doch die Erschütterung des Osterglaubens aus dem Ungeist irriger Theologie wirkt über die universitäre Ausbildung von Generationen bis heute nach. Wenn sich innerkirchliche Debatten immer wieder in den gleichen Reizthemen verfangen und weniger Wichtiges ins Zentrum der Aufmerksamkeit drängt, dann hat das wesentlich damit zu tun, dass das Bewusstsein für die eigentliche Mitte des Glaubens verloren gegangen ist.

Viel war in den vergangenen Wochen im Zusammenhang mit der Familiensynode von den Umfrageergebnissen der Katholikenbefragungen die Rede. Dabei konnten die Ergebnisse im Grunde niemanden wirklich überraschen. Der eigentliche Hammer wäre eine ganz andere Befragung. Wer ist Jesus Christus? Was feiern wir in der Eucharistie? Was heißt eigentlich Erlösung? Und was bedeutet Auferstehung? Schnell würde da sichtbar, dass selbst unter Kirchgängern der Glaube in erschreckendem Ausmaß weggebrochen ist.

Wenn der letzte und tiefste Grund für die derzeitige Krise der Kirche der Verlust des Glaubens und die Gottesvergessenheit sind, dann kann es keine Antwort darauf geben, ohne sich neu auf die Mitte des christlichen Glaubens zu besinnen, auf die lebendige Begegnung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Der christliche Glaube erschließt sich nur von seiner Mitte her. Damit steht und fällt alles. Wenn Christus nicht ins Kerygma auferstanden ist (Bultmann), sondern leibhaftig, wie es die Apostel bezeugt haben und die Kirche immer gelehrt hat, was heißt das dann? Welche Folgen hat das? Wie verändert dieser Osterglaube das Leben? Und was bedeutet das konkret für jeden Einzelnen? Mit Fragen wie diesen befasst sich das Oster-Forum in dieser Ausgabe (Seiten 17 bis 27). Die Osterbotschaft wieder leuchten lassen. Inmitten all der geistlichen Verwüstung die Schönheit des christlichen Glaubens neu entdecken: Dazu wollen unsere Sonderseiten dienen. In diesem Sinne wünschen wir allen Leserinnen und Lesern im tiefsten Sinn des Wortes frohe und gesegnete Ostern.

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