Leitartikel: Nachruf auf die „Grande Nation“

Von Stefan Rehder
Foto: DT | Stefan Rehder.
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Es gibt Zeitgenossen, darunter auch Christen, die fast zwanghaft bemüht sind, selbst Abscheulichkeiten noch etwas Gutes abzutrotzen. Ob dies dem Wunsch nach korrekter Differenzierung entspringt – theologisch betrachtet ist das Böses ja stets ein Mangel an Gutem – oder eher dem, das eigene Leben im Angesicht des Grauens erträglicher zu gestalten, kann an dieser Stelle offen bleiben. Und es stimmt ja auch: Wer will, der kann selbst der Reform der französischen Abtreibungsgesetzgebung, die die Abgeordneten der Nationalversammlung am Dienstagabend in Paris beschlossen (DT, 23.1.), noch etwas „Gutes“ abgewinnen. Denn endlich ist die Katze aus dem Sack. Frankreich hat sich ehrlich gemacht. Staat und Politik versuchen nicht länger ihren Verzicht, vorgeburtliche Kindstötungen (nichts anderes sind Abtreibungen ja) wie andere Tötungsdelikte zu ahnden, mit dem Verweis auf unter die Haut und zu Herzen gehende Einzelfälle zu rechtfertigen. Mit Müttern, deren eigene Existenz durch eine Schwangerschaft akut gefährdet wird, die vergewaltigt wurden oder mit dem Tode bedroht werden, wenn sie das Kind gegen den Willen seines Erzeugers austragen. Keinem Franzosen wird mehr zugemutet, glauben zu sollen, dass sich derartige Schicksale – zumal beim heutigen Stand der Medizin – jedes Jahr hunderttausendfach ereignen.

Abtreibungen werden von Staat und Politik als legitimes Mittel zur Familienplanung betrachtet. Und das nicht nur in Frankreich, wo Frauen jetzt Ärzte beauftragen können, wenn sie „die Schwangerschaft nicht fortsetzen wollen“, wie es im neuen Gesetzestext heißt. Frankreichs sozialistische Frauenministerin Najat Vallaud-Belkacem betonte in der Debatte denn auch, Abtreibungen würden von der Regierung Hollandes „nicht einfach nur unter Bedingungen toleriert“, sie stellten vielmehr „ein absolutes Recht“ dar. Damit hat Frankreich – wie von der internationalen Abtreibungslobby gewünscht – die vorgeburtliche Kindstötung in den Rang eines Menschenrechtes erhoben; als erster Staat weltweit. Es ist kein Zufall, dass dieser Schritt jetzt erfolgte. Kurz nachdem das Europäische Parlament gegen den Willen von Sozialisten und Liberalen den sogenannten Estrela-Bericht endgültig versenkte und Spanien sich anschickt, die Fristenlösung wieder abzuschaffen und endlich – ebenfalls als erster Staat weltweit – die Ärzte, die vorgeburtliche Kindstötungen durchführen und daran verdienen, zur Rechenschaft ziehen will.

Mögen die Sozialisten in Frankreich und die Abtreibungslobbyisten überall auf dem Globus nun jubeln, in Wahrheit hat Frankreich mit dieser neuen Teufelei nur den Grundstein zu seinem Untergang gelegt. Denn ein Staat, der duldet, dass Heiler sich als Henker verdingen und die Beiträge, welche die Solidargemeinschaft für die allgemeine Gesundheitsfürsorge entrichtet, zweckentfremdet, um „Killer“ für ihr blutiges Handwerk zu entlohnen, kann nicht länger als Rechtsstaat gelten. Ein Staat, der nicht mehr willens ist, das Leben unschuldiger und wehrloser Menschen zu schützen, erklärt das Recht des Stärkeren zur Staatsraison und verwirkt damit jedes Anrecht auf Gehorsam und Gefolgschaft. Mag sein, dass es dauert, bis dies im Bewusstsein der Franzosen ankommt. Aber Fakt ist: In dieser Woche wurde die „Grande Nation“ von Ideologen zu Grabe getragen.

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