Leitartikel: Mutmacher und Mahner

Von Regina Einig
Regina Einig, Autorin
Foto: DT | Regina Einig.

Papstbesuchen haftet in Zeiten des Wahlkampfes fast zwangsläufig die Aura des Politischen an. Papst Franziskus rang bei seiner jüngsten Visite in Kolumbien allerdings sichtlich um Distanz zu den Parteien, die ihn mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen 2018 zu vereinnahmen suchten. Das Thema Friedensprozess sprach der Pontifex überwiegend pastoral getönt an. Ganz auf der Linie der kolumbianischen Bischöfe vermied der Papst diplomatisch eine klare Verurteilung des Marxismus, auch wenn sich die auf dem ideologischen Boden des Marxismus entstandene und mittlerweile entwaffnete Guerrillaorganisation FARC als politische Partei etabliert und nach dem Willen der Regierung Santos mindestens zehn Sitze im Parlament erhalten soll.

Mit starken Appellen für den Frieden, den Schutz menschlichen Lebens von seinem Beginn bis zum Ende und die Familie ermutigte der Papst die Gläubigen, dem Druck der Säkularisierung nicht nachzugeben. Im Windschatten des Bürgerkriegs und des umstrittenen Friedensprozesses wurde in Kolumbien das Abtreibungsgesetz liberalisiert und die Homo-„Ehe“ eingeführt. Auch in Kirchenkreisen konzentriert sich die Aufmerksamkeit teilweise einseitig auf die Thementrias Gewalt, Korruption und Friedensvertrag. Im Juni schlossen drei Homosexuelle in Medellín eine „Ehe“ zu dritt unter dem weitgehenden Schweigen kirchlicher Autoritäten. So wichtig die Zielvorgabe „Frieden“ für Kolumbien ist, eine diplomatische Güterabwägung auf Kosten des Lebensschutzes und der Familie kann man dem Papst nicht vorwerfen. Dass Franziskus im Interesse der Armen den Blick weitete und den Lebensschutz und die Familie klar ansprach, gehörte zu den Stärken dieser Pastoralreise.

Die überwältigende Herzlichkeit, mit der die Kolumbianer den Gast aus Rom empfingen, ließ durchblicken, dass keiner Institution in dem von Korruption erschütterten Land derzeit mehr Vertrauen entgegengebracht wird als der katholischen Kirche. Sie ist in Kolumbien kampagnenfähig, wenn sie will. In der jungen Generation kann sie Ressourcen abrufen, die für europäische Verhältnisse fast unvorstellbar sind: Berufungen, Zeit, Seeleneifer und Glaubenspraxis vieler junger Gläubiger – das sind die eigentlichen Reichtümer einer materiell knapp bemittelten Ortskirche. Vor diesem Hintergrund bot die Begegnung mit Priestern und Ordensleuten eine Überraschung im Bergoglio-Stil: Statt in den Tenor des Dankes einzustimmen, den die Gastgeber intonierten, warnte der Papst vor den Gefahren des Geldes. Zweifellos existiert die Verführungskraft, über die Kirche die soziale Leiter emporzusteigen und den Lebensstandard zu verbessern. In den teilweise jungen Diözesen Kolumbiens – manche wurden erst nach dem Zweiten Vatikanum errichtet – scheiden sich die Geister an der Frage, wieviel Geld und Personal für den Aufbau diözesaner Strukturen angemessen ist. Ohne Ordensleute entbehrten viele Slumbewohner eine konstante Seelsorge. Die Ermahnung des Papstes ist auch ein Fingerzeig auf die Hilfswerke. Wieviel Abhängigkeit und Angepasstheit im Weltklerus wird durch regelmäßige finanzielle Zuwendungen geschaffen? Diese Ambivalenz künftig offener auszuleuchten, erscheint nach diesem Papstbesuch als logische Konsequenz.

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