Leitartikel: Mission ist mehr

Von Stephan Baier
Stephan Baier.
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In schnörkelloser Klarheit macht Papst Franziskus in seiner – nicht zufällig am Pfingstfest veröffentlichten – Botschaft zum Weltmissionssonntag deutlich, was die Kirche nicht ist und nicht sein darf, worum es ihr nicht gehen kann und soll: Die Kirche ist „nicht Selbstzweck“ und kein „Verein unter vielen anderen, der bald sein Ziel erreicht hätte und dann verschwinden würde“. Ihr gehe es „nicht um die Verbreitung einer religiösen Ideologie und auch nicht um Empfehlung einer auserlesenen Ethik“. Franziskus zitiert in diesem Zusammenhang seinen Vorgänger Benedikt mit den Worten, dass „am Anfang des Christseins nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee“ stehe. Im Kontext der Feststellung, die Kirche sei „ihrem Wesen nach missionarisch“, wird durch diese Abgrenzung klar: Die Mission der Kirche ist nicht vergleichbar mit der Wahlwerbung von Parteien, der Mitgliederrekrutierung von Vereinen und der Propagierung von Philosophien und Ideologien. Ja, sie ist nicht einmal ein Wettbewerb mit vermeintlich konkurrierenden Religionen.

Der Missionsbegriff des Papstes ist viel größer und weiter, weil sein Verständnis der Kirche tiefer ist: „Durch die Mission der Kirche verkündet und wirkt Jesus fortwährend.“ Durch die Kirche führt Jesus „auch heute seine Mission als Barmherziger Samariter fort“, durch ihre Verkündigung „wird Jesus immer wieder zu unserem Zeitgenossen“. Damit wird klar, was Franziskus meint, wenn er immer wieder sagt, eine „verbeulte Kirche“ sei ihm lieber als eine selbstbezogene, verschlossene, bequeme: Christus ließ sich um der Menschen willen in seiner Menschwerdung auf das Holz der Krippe und das Holz des Kreuzes ein, durchlitt Schmähung, Gewalt und Gottverlassenheit. Auch seiner Kirche wird keine Demütigung und kein Leid erspart bleiben. Franziskus präzisiert die Definition der Kirche als Leib Christi: Sie ist „sein gekreuzigter und verherrlichter Leib“.

Recht verstandene Mission bringt einer an Ungerechtigkeiten, Unfreiheit, Elend, Gewalt und Krieg leidenden Menschheit deshalb nicht eine alternative politische Option und revolutionäre Agenda, wie einige Befreiungstheologen meinten, auch nicht entwicklungspolitische Konzepte samt hochmoralischer Appelle, sondern – wie Franziskus formuliert – „existenzielle Verwandlung“. Mutter Teresa, die bekanntlich nicht eine NGO von Sozialarbeiterinnen gegründet hat, sondern die „Missionarinnen der Nächstenliebe“, wurde einst von den kommunistischen Machthabern Äthiopiens inquisitorisch gefragt, ob sie plane, zu predigen und Menschen zu bekehren. Ebenso schlau wie aufrichtig antwortete sie: „Unsere Werke der Liebe zeigen den Armen und Leidenden die Liebe, die Gott für sie hat.“ Eine Kirche, die nicht zum Verein oder zur Partei verkommen will, die nicht selbstbezogen und bequem sein möchte, wird sich in ihrem missionarischen Wirken nicht auf Entwicklungshilfe oder sozialpolitische Konzepte beschränken – sie wird sich nie damit begnügen, die bessere, effizientere, mächtigere Nichtregierungsorganisation zu sein. Sie wird neben dem täglichen Brot auch das Brot des Lebens reichen, neben dem Durst nach Wasser auch den Durst nach Wahrheit zu stillen suchen. Weil sie eben nicht Verein oder Partei ist, sondern „ein bescheidenes Werkzeug und Bindeglied des Reiches Gottes“, wie Papst Franziskus uns in Erinnerung ruft.

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