Leitartikel: Minima der Demokratie

Von Jürgen Liminski
Jürgen Liminski
Foto: DT | Jürgen Liminski.

Manche Erkenntnisse bleiben immer aktuell. Zum Beispiel eine des Vaters der Massenpsychologie, Gustave le Bon, der vor rund 120 Jahren in seinem Standardwerk „Die Psychologie der Massen“ beschrieb, was das Jahrhundert danach leidvoll erlebt hat und auch die heutige Zeit wieder erlebt. In der Masse, so der Gelehrte, „gilt die Forderung mehr als die Vernunft, zählt das Prestige mehr als die Kompetenz, wirkt das Bild mehr als die Idee, hat die Behauptung mehr Gewicht als der Beweis und verbreitet sich ein Glaube mehr durch Ansteckung denn durch Überzeugung“. Es wäre nun eigentlich die Aufgabe des medialen und politischen Establishments, solche irrationalen Prozesse zu dämpfen und zu versachlichen. Aber das Gegenteil geschieht. Medien befeuern hierzulande das Gefühlsfestival um Sankt Martin alias Martin Schulz, oder sie betätigen sich mit langen Kochlöffeln in der Gerüchteküche um den konservativen Kandidaten der Präsidentschaftswahl in Frankreich oder rühren eifrig im hochgekochten Brei um Trump.

Nun ist das nicht nur ein Phänomen der Massenpsychologie, das man gelassen im Sessel beobachten und ansonsten einer linksliberal bis nihilistisch gepolten Medienlandschaft überlassen könnte. Es hat Folgen. Ein Mann wie Schulz würde die Schuldengemeinschaft in Europa vollenden, mithin deutsche Ersparnisse nach Griechenland schieben wollen. Eine Marine Le Pen würde Frankreich aus dem Euro und vielleicht auch aus der EU lotsen wollen und warum nicht gleich auch aus der NATO. Beiden Ländern ist gemeinsam, dass ihre Regierungschefs mehr Vollmachten haben als der amerikanische Präsident. In den USA funktioniert die Gewaltenteilung, in Europa ist sie durch Parteienherrschaft geschwächt. Auch Trump muss vor Gericht argumentieren und in zwei Jahren könnte er im Repräsentantenhaus schon einer demokratischen Mehrheit gegenüberstehen.

Viel hängt ab von der Vierten Gewalt. Dieses Korrektiv aber versagt. In der Berichterstattung im Fall Fillon findet sich das alte Schema: Berichtet wird, was passt. Selbst die F.A.Z. ist da seltsam einseitig. Bei Spiegel, Süddeutsche oder WELT wundert man sich schon nicht mehr. Sie folgen ihrem ideologischen Duktus oder dem Gusto des Tages. Wenn aber auch in den Medien die Behauptung mehr Gewicht hat als der Beweis und dies massenhaft auftritt, dann wird auch ein Teil des Wahlvolks in die Irre geleitet. Mit anderen Worten: Wenn nur noch Wunsch- und Zerrbilder, Gefühle und Rhetorik entscheiden, dann geht es an die Fundamente der Demokratie.

Jede Demokratie braucht ein Minimum an Wahrheit. Und sei es, dass den Desinformationen ein anderes Bild entgegengesetzt wird, das zwar nicht der vollen Wahrheit entspricht, ihr aber doch näher kommt als die glatte Lüge und Manipulation. Die Möglichkeit der anderen Meinung und Information, die Konkurrenz der Ideen und Sichtweisen von Wirklichkeit ist das Minimum der Vierten Gewalt. Thomas von Aquin definiert Freiheit als „vis operans“, als tätige Kraft der Entscheidung. Wenn die Selbst-Gleichschaltung des politisch-medialen Establishments aber Alternativen verfemt und verdammt, dann geht auch Freiheit verloren. Und mit ihr der Inhalt des demokratischen Gefüges.

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