Leitartikel: Mehr als virtuelle Panik

Von Reinhard Nixdorf
Leitartikel: Die ungerechte Kluft

„Mit genug Schub fliegt sogar ein Scheunentor“, heißt es in der Fliegerei. Für viel Schub hat diese Woche die Rettungsaktion der Notenbanken auf den Finanzmärkten gesorgt, galt es doch, eine neue Weltwirtschaftskrise wie 2008 zu verhindern, als die Lehman-Pleite eine globale Rezession auslöste. Auch diesmal droht der Interbankenhandel in Schockstarre zu verfallen. Der Wertverlust von Anleihen verschuldeter Euro-Staaten führt dazu, dass amerikanische Geldhäuser europäischen Banken nur noch ungern Dollars leihen. Der Dollar aber ist immer noch die wichtigste Währung der Welt, mit der eine ganze Reihe von Geschäften abgewickelt wird. Zwar könnten die Banken ihren Dollar-Bedarf auch an Devisenmärkten abdecken – aber das ist durch das Hin- und Herwechseln zu teuer und zu kompliziert. Der beste Zugang zu Dollars führt über die Zentralbanken. Deshalb bieten die Notenbanken den Dollar nun günstiger an.

Die drohende Kreditklemme ist fürs erste gebannt. Auch die Euro-Krise? Keineswegs. Sobald der Geldregen abgeebbt ist, wird die Überschuldung vieler Euro-Staaten wieder zutage treten. Dann fragt sich von neuem, wie diese Staatsverschuldung zurückzudrehen ist und wie die Länder an der Peripherie der Eurozone Geld aufnehmen und ihre Schulden bedienen können. Nur gemeinsam können die Europäer diese Krise meistern: indem sie die Kompetenzen der EU erweitern und Durchgriffs- und Kontrollrechte auf die Europäische Ebene verlagern. Dann könnte man rechtzeitig eingreifen, wenn sich bestimmte Länder nicht an das halten, was abgemacht wurde. Und dann würden Euro-Bonds nicht zu Lasten der wirtschaftsstarken Euro-Staaten gehen, wie dies Berlin befürchtet. Die Bundesregierung aber gibt sich seltsam untätig. Zwar steht die deutsche Wirtschaft glänzend da. Zwar konnte Frank-Jürgen Weise, der Chef der Bundesarbeitsagentur, noch am Mittwoch den weiteren Rückgang der Arbeitslosigkeit verkünden. Aber geht die Euro-Krise deshalb die größte Volkswirtschaft Europas nichts an? Kaum. Dies ist keine virtuelle Panik ohne Folgen für die Realwirtschaft. Wenn Banken sich untereinander nichts mehr leihen, werden sie dies auch nicht gegenüber Unternehmen tun. Und wenn die Unternehmen kein Geld mehr bekommen, sind auch die Arbeitsplätze in Gefahr.

D-Mark-Nostalgikern sei gesagt, dass ein Zusammenbruch der Euro-Zone nur Schaden bringt. Bleibt eine Kernwährungsunion mit Deutschland und wenigen anderen Ländern übrig, prognostizieren Volkswirte den Einbruch des deutschen Bruttoinlandsproduktes um drei Prozent und den Verlust von einer Million Arbeitsplätzen. Denn die zu erwartende Aufwertung des „Kern-Euro“ wird die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie stark belasten. In der Europäischen Union könnte sich nach einem Ende des Euro das Bruttoinlandsprodukt sogar halbieren, befürchtet Kommissionspräsident Barroso. Noch stärker ist der politische Schaden. Ohne gemeinsame Währung wird Europa kaum seine Interessen in der Welt durchsetzen. Nur wenn die Europäer sich gemeinsam und überzeugend hinter ihre Währung stellen, rasch und glaubhaft mit der Schuldenpolitik der vergangenen Jahrzehnte brechen und sich entsprechende Regeln geben, können sie die Euro-Krise bestehen. Wer in Europa den Euro preisgeben will, betrügt sich selbst.

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