Leitartikel: Letzter Wunsch eines Politikers

Von Stefan Meetschen
Stefan Meetschen
Foto: DT | Stefan Meetschen.

Angela Merkel wird reden. Beim „Europäischen Trauerakt“ zu Ehren von Helmut Kohl am 1. Juli im Europäischen Parlament in Straßburg. Neben Antonio Tajani (Präsident des Europäischen Parlaments), Donald Tusk (Präsident des Europäischen Rates), Jean-Claude Juncker (Präsident der Europäischen Kommission), sowie dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton und dem neugewählten französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Eine deutsche Bundeskanzlerin als Trauerrednerin am Sarg eines Altbundeskanzlers – so stellt man sich den protokollarischen Normalfall vor.

Doch so normal, wie es jetzt vermutlich über die Bühne des Europäischen Parlaments gehen wird, liegt der Fall nicht. „Kampf um einen Toten“ titelt der „Spiegel“ seine aktuelle Ausgabe, und bereits zu Beginn der Woche war es das Nachrichten-Magazin aus Hamburg, das schon bald nach dem Bekanntwerden des Todes des „Kanzlers der Einheit“ auf ungewöhnliche Präferenzen stieß: Keine Rednerin Angela Merkel, sondern der Redner Viktor Orban habe der Witwe Maike Kohl-Richter bei den Trauerfeierlichkeiten vorgeschwebt, berichtete der „Spiegel“. Nur die Warnung vor einem „Eklat“ soll Kohl-Richter zu einem Rückzieher bewogen haben. Weshalb die Rednerliste nun so aussieht, wie sie aussieht und nicht so, wie sie sich der Mann, um den es geht, im Einklang mit seiner Frau vermutlich gewünscht hat.

Darf man so mit dem letzten Willen eines verstorbenen Politikers verfahren? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten. Schon gar nicht im Fall von Helmut Kohl, bei dem das Private und das Politische oft eine erstaunliche Symbiose eingingen. Politiker, mit denen er gut zurechtkam, bezeichnete Kohl gern als „Freunde“.

Angela Merkel, anfangs noch „Kohls Mädchen“, war gewiss keine „Freundin“. Distanziert, wenn nicht zerrüttet war das persönliche Verhältnis zwischen beiden seit 1999, als Merkel, damals Generalsekretärin, dem „alten Schlachtross“ (so Merkel in der FAZ) den Scheidungsbrief über eine Zeitung zustellte. Auch bei den europapolitischen Ansichten fremdelten die beiden. „Die macht mir mein Europa kaputt!“ soll Kohl bei der Schuldenkrise 2011 geklagt haben. Später, mit seinem Vorwort zur ungarischen Ausgabe seines Buches „Aus Sorge um Europa“, das man jetzt getrost als sein Europa-Vermächtnis betrachten darf, kritisierte Kohl, der Meister der internationalen Absprachen, „einsame Entscheidungen“ und „nationale Alleingänge“ und meinte damit selbstverständlich die einsame Grenzöffnerin im Bundeskanzleramt, die in einem historischen Moment forsch auf Recht und Gesetz verzichtete. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban hingegen, der letzte aktive Staatsmann, den Kohl in seinem Haus in Oggersheim empfangen hat, war ein „Freund“ Kohls.

Orban vertritt in Europa aber Positionen, die konträr zu denen von Merkel sind. Wie würde es – gerade im Wahlkampf – aussehen, wenn Merkel ihm das Mikrofon überlassen müsste? Angela Merkel wird also reden. Der „Eklat“ wurde verhindert. Wer das Europa-Vermächtnis Helmut Kohls aus Sicht des Verstorbenen authentisch verkörpert, ist durch den letzten Wunsch, in dem sich noch einmal wie in einem Symbol seine Politik verdichtet, deutlich geworden.

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