Leitartikel: Krisenmanager gesucht

Von Regina Einig
Foto: DT | Regina Einig.
Foto: DT | Regina Einig.

Den deutschen Bischöfen steht eine entscheidende Woche bevor. Die Wahl des neuen Vorsitzenden, die Debatte über Ehe und Familie mit Blick auf die außerordentliche Generalversammlung der Bischofssynode im Oktober und mehrere vakante Bischofsstühle schaffen in den Diözesen einen schier uferlosen Erwartungsdruck.

Erzbischofs Zollitschs Nachfolger tritt ein schwieriges Erbe an. Gesucht wird ein Kandidat, der die auseinanderdriftende Herde zusammenhalten kann, also Garant der Einheit ist. Opposition gegen die Glaubenskongregation und regionale Sonderwege sind alles andere als ein Dienst an der Einheit. In der Ära Zollitsch war von mitbrüderlicher Kollegialität wenig zu bemerken. Vom Dialogprozess fühlte sich mancher Hirte regelrecht überfahren. Subsidiarität und Kollegialität zu fordern ist in deutschen Kirchenkreisen gegenüber Rom populär, warum nicht auch in der Konferenz? Der Wunsch mehrerer Bischöfe, durch eine Art Vorkonklave in Münster Raum für offene Diskussionen über geeignete Kandidaten zu schaffen, fiel nicht vom Himmel.

In den Medien haben mehrere potenzielle Kandidaten Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Der Münchner Kardinal Marx steht für eine Rückbesinnung auf das ungeschriebene Gesetz, das bis zur Wahl Bischof Lehmanns 1987 galt. Es sah als Vorsitzenden abwechselnd die Hirten von München und Köln vor. Der Trierer Bischof Ackermann prescht in der Reformdebatte weiter vor als alle anderen Mitbrüder und empfiehlt sich für populäre Forderungen. Auf mediale Präsenz bedacht ist auch der Essener Bischof Overbeck. Sympathiepunkte kann der zurückhaltende Münsteraner Bischof Genn verbuchen. Die Aussicht, einen persönlich frommen, eher stillen Kandidaten zu wählen, mag manchen in der Konferenz locken. Eine Frage wäre dann, wie sich eine solche Wahl auf die Rolle der progressiven Katholisch-Theologischen Fakultät Münster auswirken würde. Die Ära Zollitsch ist ein Beispiel dafür, dass in einer theologischen Fakultät nach der Wahl des Ortsbischofs zum Vorsitzenden ein Sendungsbewusstsein erwachen kann, das in keinem Verhältnis steht zu ihren wissenschaftlichen Leistungen.

In puncto Ehelehre und Familienpastoral gehen die Positionen in den Reihen der Bischöfe so weit auseinander, dass der neue Vorsitzende ein kluges Krisenmanagement benötigt, um die offene Spaltung der Konferenz und verschärfte Spannungen mit Rom zu verhindern. In den letzten Monaten hat nördlich der Alpen eine eigentümliche Dynamik eingesetzt, die Treue zum kirchlichen Lehramt mit dem Vorwurf mangelnder Barmherzigkeit und Weltfremdheit in Verbindung bringt. Papst Franziskus ist aber keineswegs der leichtfüßige Revoluzzer, als der er oft karikiert wird. Während in Deutschland mit den Ergebnissen der Umfrage eher auf Stimmungen gesetzt wird, verweist Franziskus auf das ordentliche Lehramt. Stichwort „Humanae vitae“: Wie viele deutsche Bischöfe sind derzeit bereit, sich öffentlich mit demselben Nachdruck hinter die prophetische Enzyklika Pauls VI. zu stellen, wie es der Papst in dieser Woche gegenüber dem „Corriere della Sera“ tat? Katechese, Verkündigung und Entweltlichung werden auch unter Franziskus die Großbaustellen der Bischofskonferenz bleiben.

Themen & Autoren

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann