Karlsruhe

Leitartikel: Konvertiten in Lebensgefahr

Christsein war und ist immer lebensgefährlich. Das ist für Rechtsstaaten aber kein Grund, getaufte Ex-Muslime mutwillig ins Martyrium zu schicken.

Gerichtsurteil zu Glaubensprüfung von Konvertiten
Ob jemand tatsächlich Christ wurde, das zu beurteilen liegt nicht in der Kompetenz der Richter, sondern der Kirchen. Foto: Daniel Reinhardt (dpa)

Ist es vorstellbar, dass die Taliban einen afghanischen Neugetauften zuerst das nizäno-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis aufsagen lassen und Katechismus-Wissen testen, bevor sie ihn foltern? Sind pakistanische und iranische Islamisten dafür bekannt, christliche Konvertiten in einen theologischen Disput zu verwickeln, um die Ernsthaftigkeit ihrer Taufe zu prüfen, bevor sie hingerichtet werden? Nein, jenen islamischen Staaten und Bewegungen, die den „Abfall vom Islam“ als todeswürdiges Verbrechen ansehen, genügt die Entscheidung ihrer Landsleute, sich Christus zuzuwenden, als Rechtfertigung für Folter, Mord und Sippenhaftung.

Asylrelevant ist die drohende Gefahr für Leib und Leben

Die Tiefe des Glaubenswissens und die Breite des religiösen Engagements sind ihnen egal. Vielleicht, weil die meisten Fanatiker in ihrer eigenen Theologie keine brillanten Köpfe und aufrechten Gottsucher sind. Dass deutsche und österreichische Gerichte mit Ex-Muslimen, die sich Christus zuwandten, ein Glaubensquiz veranstalten, ist schon darum absurd. Nicht Christsein oder Frömmigkeit an sich sind nämlich asylrelevant, sondern die drohende Gefahr für Leib und Leben. In welchen Ländern Konvertiten juristisch, politisch und gesellschaftlich ernstlich bedroht sind, können Hilfsorganisationen und Außenministerien längst buchstabieren. Auf ihr Wissen dürfen sich Richter stützen.

Ob jemand tatsächlich Christ wurde, das zu beurteilen liegt nicht in der Kompetenz der Richter, sondern der Kirchen. Weil in Deutschland und Österreich Religionsfreiheit besteht und diese das Menschenrecht auf Religionswechsel einschließt, haben die Kirchen eine gewaltige Herausforderung: Sie dürfen missionieren, und müssen es aufgrund ihres Selbstverständnisses auch. Sie dürfen ohne staatliche Behinderung Ex-Muslime taufen, haben aber auch die Verpflichtung zu einer individuellen und profunden Taufvorbereitung. Das schulden sie erstens der Würde des Sakraments, das keine Billigware im Supermarkt ist, zweitens der Würde des Taufbewerbers, der „eine neue Schöpfung“ (2 Kor 5,17) werden soll, und drittens ihrer Rolle im Staat.

Richter können die Ernsthaftigkeit eines Glaubenswechsels nicht beurteilen

Wenn Kirchenvertreter die Taufe ohne Vorbereitung und Prüfung spenden, machen sie sich dreifach schuldig – und untergraben jenes Vertrauen, das sie von Staat und Gesellschaft einfordern. Wenn sie Asylsuchende gar mit der alleinigen Intention taufen sollten, diesen die Abschiebung zu ersparen und einen Aufenthaltstitel zu erschwindeln, profanieren sie das Heilige und vernachlässigen ihre Pflicht gegenüber der Gesellschaft. Zur wechselseitigen Anerkennung der Autonomie von Rechtsstaat und Kirche gehört diese Erkenntnis: Nicht die Kirche entscheidet über den Aufenthaltsstatus, sondern der Staat. Zugleich kann die Kirche ihrerseits jede Einmischung des Staates in Sakramentenpastoral und Glaubensunterweisung zurückweisen.

Nein, Richter können die Ernsthaftigkeit eines Glaubenswechsels nicht beurteilen und die identitätsprägende Tiefe des Glaubens nicht ausloten. Wenn aber einzelne Pfarrer die Sakramente nicht ernst nehmen, werden das die Richter auch nicht tun. Beides geht dann zu Lasten jener Menschen, die Schutz, Sicherheit und Menschlichkeit im Schoß der Kirchen suchen – und dann ins Martyrium abgeschoben werden. Dass Christsein lebensgefährlich ist, sollte in der Taufvorbereitung thematisiert werden. Es gibt aber keinen Grund, Konvertiten mutwillig in Lebensgefahr zu bringen.

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