Leitartikel: Kommerzieller Spuk-Event

Von Stefan Meetschen
LEITARTIKEL: Eine Kultur,  die vitalisiert

Die stillen Herbsttage, an denen man sich den Heiligen zuwendet und der Verstorbenen erinnert, haben ihren öffentlichen Stellenwert weitestgehend eingebüßt. Die breite Masse kauft keine Kerzen, um am 1. November die Gräber zu besuchen, die breite Masse erholt sich an diesem Tag von wilden Halloween-Parties, bei denen man – ganz so wie Heidi Klum und andere Hollywood-Promis – als Hexe, Gespenst oder Vampir den Leuten einen gehörigen Schrecken eingejagt und gefeiert hat. Bestückt mit Kürbis und Candy Corn. Ein kommerzieller Spuk-Event, an dem sich laut aktuellen Umfragen inzwischen jeder Fünfte in der Bundesrepublik beteiligt (gerade in der Gruppe der 18- bis 34-Jährigen macht fast ein Drittel mit) und bei dem selbstredend viele Leute kräftig verdienen. Doch lässt sich das Phänomen Halloween so einfach abhandeln? Als reines Kommerz-Spektakel? Sicherlich haben diejenigen recht, die jetzt lautstark gegen den kommerziellen Charakter des schrillen Rituals protestieren, doch zu bedenken ist für Katholiken auch eine andere Dimension. Wenn man so will, der Unterschied zwischen mystisch und mysteriös.

Weist der moderne Gruselbrauch Halloween doch einen beachtenswerten kulturellen Hintergrund auf. Laut der „Encyclopaedia Britannica“ fußt Halloween nämlich auf einem alten heidnisch-keltischen Ritus, welcher der Vertreibung und Nachäffung böser Geister diente, und von Anbeginn eng mit Wahrsagerei in Verbindung stand. Im Feuer die Zukunft zu erkennen, darum ging es den ersten Halloween-Begeisterten. Die Kirche ging früh gegen diesen abergläubischen Angst- und Schrecken-Ritus vor. Immerhin macht es einen Unterschied, ob man die Heiligen um Hilfe bittet und für die Armen Seelen im Fegefeuer betet oder mit Schreck- und Spukgeistern ein dunkles Festgelage aufführt. Doch dieser Hintergrund – und das Bewusstsein für die Differenzen der unsichtbaren Welt – ist im Zuge der Kommerzialisierung verblasst. Die Kürbisfratzenträger von heute, worunter viele Kinder sind, die am Halloweenabend mit der Frage „Süßes oder Saures?“ an den Haustüren klingeln, wissen vermutlich nicht, dass sie laut irischer Legende ein Geschenk des Teufels tragen, das beim Gang durch das Dunkel helfen soll. Aufklärung täte also not. Man sollte schließlich wissen, womit man spielt und ob man unter diesen Gesichtspunkten weiterspielen möchte. Schon der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga („Homo ludens“) wusste, dass „Kultur in Form von Spiel entsteht“. In Spielen bringt eine Gesellschaft ihre Weltsicht zum Ausdruck. Gerade bei Spielen, die okkulte Elemente aufweisen, das bestätigen auch erfahrene Seelsorger, kann aus dem Spiel schnell ernst werden. Man wird die Geister, die man – frei nach Goethe – nur scherzhaft anrief, nicht mehr los. Wer für seine Seele und die Seelen seiner Kinder in diesen herbstlichen Tagen etwas Gutes tun will, der sollte sich, statt auf Halloween ganz ohne Schrecken auf die katholische Tradition einlassen, die Kultur der überwundenen Angst. Die Allerheiligen- und Allerseelentage. Ach ja, und wenn sich vor Ihrer Tür doch ein paar kleine Geister verirren, die um Bonbons betteln – laden Sie sie doch ein, am 11. November mit Laterne und am 6. Januar mit Gesang wiederzukommen. Dann gibt es wirklich Leib und Seele wohlschmeckende Süßigkeiten.

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