Leitartikel: Kinder als Fluch oder Segen

Von Stephan Baier
Foto: DT | Stephan Baier.
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Der alte Herr hatte laut glaubwürdigem Bericht alles, was nach heutigen Maßstäben zur Lebensqualität zählt: Er hatte das achte Lebensjahrzehnt gesund vollendet, war sehr wohlhabend, erstaunlich mobil und verfügte über eine vitale Sexualität. Doch statt das pralle Leben zu genießen, quälte ihn offenbar eine schwere Depression, denn als Gott ihm reichen Lohn versprach, jammerte Abraham bloß: „Herr, mein Herr, was willst du mir schon geben? Ich gehe doch kinderlos dahin, und Erbe meines Hauses ist Elieser aus Damaskus.“ Kinderlosigkeit, wie sie Abraham und seine Frau Sarah jahrzehntelang quälte, galt über weite Strecken der Menschheitsgeschichte als Fluch. Als Segen ist darum zu verstehen, dass Gott zu Abraham sprach: „Sieh doch zum Himmel hinauf, und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst... So zahlreich werden deine Nachkommen sein.“

Was die Menschheit über Jahrtausende als Fluch verstand – Kinderlosigkeit – haben die Europäer seit einigen Jahrzehnten zum modernen Lebensstil individualistischer Selbstverwirklichung gekürt. Was die Menschheit über Jahrtausende als Segen verstand – Kinderreichtum – machten sie zum verhütbaren Lebensrisiko. Diese Umwertung der Werte wird in Permanenz und Penetranz durch viele Massenmedien propagiert und durch die modernen Sozialstaaten mit ihren als Steuergerechtigkeit getarnten Teilenteignungen arbeitender Bürger gefördert. Im vergleichsweise wohlhabenden Europa von heute sind Kinder ein lebensgeschichtliches und finanzielles Abenteuer. Weil aber Abenteurer in Zeiten satter Selbstverwirklichung rar sind, werden in ganz Europa seit Jahrzehnten viel zu wenig Kinder geboren.

Immer massiver versuchen nun „internationale“, also westliche Organisationen, diese kinderfeindliche Mentalität mit missionarischem Eifer in alle Welt zu tragen. So richteten die britische Regierung und die „Bill & Melinda Gates Stiftung“ am Mittwoch in London einen „Familienplanungsgipfel“ aus, der bis 2020 weitere 120 Millionen Frauen und Mädchen in den ärmsten Ländern der Welt mit Verhütungsmitteln versorgen will. Da sind Staaten und internationale „Hilfsorganisationen“ angetreten – nicht um den Hunger der Kinder zu stillen, sondern um zu verhindern, dass die Hungernden Kinder bekommen. In kolonialistischer Manier wird die westliche Einstellung zur Weitergabe des Lebens jenen Völkern aufgedrängt, die in Kindern noch einen Segen sehen.

Nachdem die industrialisierten Länder schon die Rohstoffe der Erde plündern, dient die Mär von der überbevölkerten Welt nun dazu, mit menschenfreundlicher Geste Kondome und Anti-Baby-Pillen statt Brot und Gerechtigkeit zu geben. Wo bleibt unser westlicher Lebensstil, wo bleiben die Börse von New York und der Finanzplatz London, wenn die Bodenschätze Afrikas den Afrikanern zugute kommen? Da ist es freilich billiger, dem europäischen Steuerzahler einige Milliarden zu entlocken, um damit Verhütungsmittel in den kinderreichen Entwicklungsländern zu verteilen. In der Umwertung aller Werte erklärten die Menschenfreunde von London der Welt, warum Schwangerschaften die größte Gefahr für die Frau, und Verhütungsmittel ihre Chance auf Selbstbestimmung sei. Am kinderfeindlichen Wesen des Westens soll die Welt genesen – zur Verteidigung des westlichen Wohlstands.

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