LEITARTIKEL: Keine Insel der Seligen

Gewiss, Unkenrufe sind Gift für die Konjunktur, weil sie geeignet sind, das für ihre Wiederbelebung erforderliche Grundvertrauen von Verbrauchern und Investoren zu beschädigen. Doch fast jeder, der die Marktdaten analysiert, fragt sich derzeit: Wohin sollen die überflüssigen Geldmassen gelenkt werden? Der Aktienmarkt erweist sich nach wie vor als reichlich volatil; mal geht es bergauf, dann wieder bergab; ein nachhaltiger Trend ist nicht ohne weiteres auszumachen. Die Investition in Immobilien, seit alters ein sicherer Hort gegen Inflationsgefahren, hat auch noch kein klares Richtungssignal gezeigt, auch wenn die Mieten hierzulande seit langen Jahren erstmals wieder gestiegen sind. Allein das Gold spurtet von Woche zu Woche zu immer neuen Rekorden, während Devisen hin und her schwanken und von einer Spekulation in Rohstoffen nicht die Rede sein kann.

Der gefährlichste der Unkenrufe lautet: Deflation. Das bedeutet sinkende Preise, Sparen ohne Ende, weil vor allem die Verbraucher warten, bis das nächste Schnäppchen winkt. Das ist Gift für die Konjunktur. Wenn nämlich die sinkenden Preise den gesunkenen Wert der Aktiva nicht mehr decken, die Schulden sich aber wie ein Bergmassiv auftürmen, dann ist der Punkt erreicht, an dem die Euphorie ihren Atem verliert: Eine Verkaufswelle droht, weil es dann vor allem darum geht, sich rasch der Schulden zu entledigen. Kein Mensch ist dann bereit, zur Bedienung seiner Verbindlichkeiten neues Geld aufzunehmen, wenn er am Ende des Tunnels nicht einen hinreichend lukrativen Ertrag erwartet. Das wäre Risiko pur. In Japan erleben wir dergleichen seit fast einem Jahrzehnt. Und es gelingt weder Notenbank noch Regierung, diesen Trend nachhaltig zu stoppen. Billiges Geld allein schafft unter diesen Umständen keine Remedur, zumal der Sprung von der Deflation zur Depression nicht sehr weit ist.

Doch die Notenbanken, gleichgültig, ob die amerikanische oder die europäische, bieten weiterhin große Geldmengen zu einem Zins an, der nahe der Nullgrenze verläuft. Gleichzeitig aber sind die Konjunkturdaten in Amerika – der gewöhnliche Motor der Weltkonjunktur – kein Anlass zum Jubeln: die Arbeitslosenquote ist erschreckend hoch; die Sparquote steigt, weil es zu vielen Verbrauchern jetzt nur noch darum geht, die eigene Kreditwürdigkeit zu sichern. Die Kreditkartenfinanzierung fordert eben ihren Tribut. Die Prioritäten im Verbraucherverhalten haben sich durch die Folgen der Hypothekenkrise nachhaltig verkehrt. Das lässt alles wohl nur den Schluss zu, dass die Notenbanken möglicherweise mit ihrem Latein am Ende sind, weil die Politik des massenweise in den Markt gepumpten billigen Geldes noch immer keine nachhaltigen Spuren in der Weltkonjunktur hinterlassen hat, deren Motor Amerika ist.

Deutschland macht da – jedenfalls, was den Arbeitsmarkt und auch die allgemeine Konjunktur betrifft – eine hehre Ausnahme. Doch wir sind keine Insel der Seligen. Viele Investoren rechnen mit Rückschlägen an den Börsen; sie fürchten um die Bonität der Staaten, nachdem diese die Banken gerettet haben. Der Blick nach Irland, wo die vom Staat zunächst gerettete Anglo Irish Bank den Staat in die Krise zieht, belegt dies, denn dort übersteigt die Verschuldung fast das Inlandsprodukt.

Themen & Autoren

Kirche

Papst in Budapest
Budapest
Umkehr: Die wahre Reform der Kirche Premium Inhalt
In Budapest wurde die Tiefendimension der Kirche sichtbar: Mit Blick auf Christus ist sie jung, dynamisch, fröhlich, ökumenisch, missionarisch und attraktiv. Ein Kommentar.
16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier