Leitartikel: Katholische Identitätsstörung

Von Markus Reder
Foto: DT | Markus Reder.
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Die Debatte ist weder neu, noch überraschend, noch führt sie weiter. Jedenfalls nicht, wenn sie so geführt wird, wie das leider auch diesmal der Fall ist. Zur Abwechslung geht es nicht um die Ehe, sondern um den Zölibat. Ein katholischer Priester, der eine Tochter hat, tritt in einer Talkshow auf, und die Lawine rollt: Wortmeldungen, Zeitungsbeiträge, TV-Sendungen. Die Mehrheitsmeinung – auch das überrascht nicht – lautet: Weg mit dem Zölibat. Er sei veraltet, lebensfeindlich, sorge für schräge Vögel im Priesteramt und führe zu heimlichem Doppelleben. So ungefähr lässt sich zusammenfassen, was da an „Argumenten“, besser spräche man von Vorurteilen, vorgetragen wird. Mal abgesehen davon, dass es frustrierte, schräge Typen auch unter Eheleuten gibt. Und heimliches Doppelleben, welcher Art auch immer, völlig inakzeptabel ist, weil es die eigene Glaubwürdigkeit genauso schwer beschädigt wie die der Kirche. Frustration unter Priestern nur auf den Zölibat zurückzuführen, bedeutet einen extrem verengten, äußerst säkularen Blick auf priesterliches Leben.

Es ist keine Frage, dass man den Zölibat – wie inzwischen auch das katholische Eheverständnis – immer wieder neu erklären und begründen muss. Auch dass das prophetische Zeichen zölibatären Lebens heute schwerer zu vermitteln ist als noch vor wenigen Jahrzehnten, ist unbestritten. Aber niemandem ist geholfen, wenn suggeriert wird, es werde hier eine „offene Diskussion“ geführt. Was sagt man eigentlich jungen Männern, die sich mit dem Gedanken tragen, in ein Seminar einzutreten? Wartet noch zehn, zwanzig Jahre, dann haben wir das Brett gebohrt und das Konzil vergessen? Wie absurd. Nichts wird besser, wenn man die katholische Identitätskrise verschärft, indem man den eigenen Glaubens- und Lebensstil ständig in Frage stellt. Es ist ein fataler Irrtum zu meinen, mit angeblich „offenen Diskussionen“ würde man gesellschaftlich anschluss- und gar mehrheitsfähig. Der Blick über den konfessionellen Lattenzaun zeigt deutlich, Anpassung führt offensichtlich nicht zum Ziel. Man kann es nur wieder und wieder betonen: Im Protestantismus sind sämtliche Reformforderungen, mit denen Papst und Bischöfe bestürmt werden, längst verwirklicht. Was hat es gebracht? Von vollen Gotteshäusern und blühendem geistlichen Leben kann keine Rede sein.

Im Übrigen: Was ist das eigentlich für eine Vorstellung von Ehe, wenn man so tut, als sei die eheliche Gemeinschaft quasi der bequeme Weg, ein Selbstläufer, die einfachere Form, Beziehung zu leben. Das ist Unsinn. Auch Ehe bedeutet harte Arbeit. An sich selbst, an der Beziehung, am Umgang mit Sexualität und Spiritualität. Gelingendes Leben – ganz gleich ob in Ehe oder Zölibat – fällt nicht vom Himmel. Nur wird da viel zu wenig darüber gesprochen. Statt in die Tiefe zu gehen, hat man sich an Oberflächenbetrachtungen gewöhnt, um dann nach schnellen Lösungen zu rufen: Der Zölibat muss weg, das katholische Eheverständnis reformiert werden. In einer Zeit seelischer Verwüstung und geistlicher Versteppung ist ein katholischer Lebensstil inmitten einer sich selbst säkularisierenden Kirche die maximale Herausforderung. Gerade unter diesen Bedingungen ist aber das Zeugnis gelungenen zölibatären Lebens für Eheleute eine echte Hilfe, für die man dankbar sein kann.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir angstfrei endlich auch wieder darüber diskutieren würden, was priesterliche Identität bedeutet und warum ohne den priesterlichen Leitungsdienst keine Kirche zu machen ist. Aber irgendwie geht an dieser Stelle regelmäßig der Mut flöten. Darum diskutiert man dann lieber nur über den Zölibat.

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