Leitartikel: Inszenierte Relevanz

Von Münster werden Bilder einer mit sich selbst beschäftigten Kirche ausgehen. Die Erneuerung des Katholischen muss von woandersher kommen. Von Oliver Maksan
Dipl. Theol. Oliver Maksan
Foto: Unbekannt

Es werden Tage der schönen Bilder sein, die das katholische Deutschland ab Christi Himmelfahrt in Münster produziert: Da wird es einen beeindruckenden Aufmarsch von Politprominenz geben, die Kanzlerin und der Bundespräsident an der Spitze. Diese werden vor entzücktem Publikum betonen, wie wichtig das Engagement der Christen und der Kirchen sei etc. Die Veranstalter des Katholikentags wiederum werden sich auf die Schulter klopfen vor soviel Anschlussfähigkeit an die Gesellschaft.

Es ist derweil eine Inszenierung von Relevanz. Das kirchliche Christentum in Deutschland ist schwach wie nie. Zahlenmäßig stark wie in den fünfziger Jahren, reich an sprudelnden Kirchensteuermitteln und einem beeindruckenden Apparat, wird doch keine einzige gesellschaftliche Debatte von der Kirche entscheidend beeinflusst. In der Migrationsfrage hat sie den polit-medialen Zeitgeist verstärkt, nicht geprägt. Das haben Kanzlerin und Grüne erledigt. Die gesamtgesellschaftliche Dividende wird nun, da sich nach Ellwangen der Wind weiter dreht, denkbar schmal ausfallen. Die „Ehe für alle“ wurde unter schwachem Protest der Bischöfe beschlossen. Seither herrscht Schweigen aus der Sorge heraus, nur nicht unter die Diskriminierer gerechnet zu werden. Die Kommuniondebatte für Protestanten macht glauben, Sakramente würden zum Aktionspreis angeboten. Und in der Kreuz-Diskussion erweckte eine unglücklich agierende DBK-Spitze den Eindruck, als wäre die Kirche allen Ernstes gegen neue Kreuze im öffentlichen Raum.

Von Münster werden derweil wieder Bilder einer mit sich selbst beschäftigten Kirche ausgehen. ZdK-Chef Sternberg forderte im Vorfeld zum x-ten Mal die Weihe von viri probati. Sicher, es gibt manche gute Veranstaltung und viele überzeugte Christen, die in Münster auf der Suche nach Inspiration für ihren Glauben sind. Letztlich sind Katholikentage aber zu einer Heerschau der Beliebigkeit geworden. Aus kirchlicher Selbstbespiegelung wird indes kein Geist des Aufbruchs erwachsen. Die Utopie, an der der Verbandskatholizismus krankt, lautet: Wenn erst diese und jene Strukturreform durchgeführt ist, wird es einen neuen Aufbruch geben. Wenn und dann: Eine überzeugende kirchliche Existenz lässt sich mit ungedeckten Wechseln auf die Zukunft nicht führen. Und das Schicksal des EKD-Protestantismus könnte jeden schnell von der Illusion befreien, dass Frauenordination etc. die Massen in die Kirchen treiben.

Berliner Spitzenpolitiker in Kompaniestärke und tausende Besucher in Münster dürfen nicht darüber hinwegtäuschen: Es droht ein rasant entchristlichtes Deutschland. Entscheidend wäre jetzt umzusetzen, was der ZdK-Katholizismus wie der Teufel das Weihwasser scheut: Entweltlichung. Papst Benedikt hat mit seiner Freiburger Rede von 2011 der katholischen Kirche in Deutschland eine Karte mit Wegen aus der Krise in die Hand gegeben, die diese törichterweise ignoriert.

Die Prognose sei gewagt: Das Modell der Kirche, das sich dieser Tage in Münster mit Millionenmitteln feiert, hat keine Zukunft. Die Erneuerung des Katholischen wird von anderswoher kommen müssen. Und zwar unabhängig von Strukturreformen. Denn die Kirche hat von ihrem Herrn bereits alles, was sie auch in einer säkularen Umgebung braucht: die Wahrheit über Gott und den Menschen, die Sakramente, den Heiligen Geist.

 
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