Leitartikel : Identität als neue soziale Frage

Tannenduft und Lichterglanz auf Deutschlands Straßen und Plätzen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der christliche Grundwasserspiegel weiter sinkt. Von Oliver Makan
Gedenkgottesdienst für Opfer des Terroranschlags in Berlin
Foto: Ralf Hirschberger (Pool) | Nur noch 32 Prozent der Kirchenmitglieder gehen laut der Umfrage wenigstens ab und zu in die Kirche, geht aus der Allensbach-Umfrage hervor.

Tannenduft und Lichterglanz auf Deutschlands Straßen und Plätzen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der christliche Grundwasserspiegel weiter sinkt. Deutlichster Ausdruck für die abnehmende Zustimmung zum christlichen Menschenbild war sicher die Entscheidung des Bundestages im Sommer, die „Ehe für alle“ einzuführen. Die Zustimmung der Bevölkerung dazu war sehr groß, ja riesig, wenn man den Umfragen glauben darf.

Dennoch ist die Frage natürlich immer, ob man das Glas als halb voll oder halb leer empfindet. Denn neueste Allensbach-Umfragen zeigen, dass Deutschlands christliche Prägung unbestritten ist. Einen christlichen Feiertag aufzugeben um einen islamischen einzuführen, wird mit riesiger Mehrheit abgelehnt. Angesichts mehrheitlich islamischer Zuwanderung in den letzten Jahren ist die Zustimmung zur Aussage sogar gewachsen, dass Deutschland ein christlich geprägtes Land sei. 2012 stimmten 48 Prozent der Befragten dieser Aussage zu, heute sind es 63, ein satter Zuwachs in kurzer Zeit. Die Frage nach der eigenen Identität wird also drängender und zugunsten des Christentums beantwortet. Dennoch leeren sich die Kirchen weiter, nimmt die Zahl derjenigen ab, die wenigstens an Weihnachten einen Gottesdienst besuchen wollen. Kirchlichkeit und Kulturchristentum gehen offensichtlich immer stärker getrennte Wege. Muss das auf Dauer so sein?

Denn Identität ist die neue soziale Frage. Sie wird bleiben. Das kann angesichts einer umfassenden politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Globalisierung, deren andere Seite die unkontrollierbare Massenmigration angeblich ist, gar nicht anders sein. In Europa und der westlichen Welt im Allgemeinen wird die Kluft zwischen denen, die sich als kosmopolitische Weltbürger fühlen und denen, die nicht postmodern entortet werden wollen, größer. In den USA ist diese Kluft schon abgrundtief. Die Österreicher haben gerade eine Regierung gewählt, die angesichts moderner Migrationsbewegungen deutlich für die Wertschätzung und Bewahrung des Eigenen steht.

Dieser neuen sozialen Frage muss sich auch die Kirche stellen, will sie die Zeichen der Zeit ernst nehmen. Natürlich, die Kirche ist nicht Hüterin eines Lebensgefühls – und wäre es christlich geprägt. Sie verkündet den lebendigen Christus und eine letzte Heimat im Himmel. Auch weiß sie sich dem Fremden in Not verpflichtet. Aber Fremdenhass und Überfremdungsängste sind nun mal nicht dasselbe, mögen Caritasfunktionäre hier mit der Einwanderungslobby auch das Gegenteil behaupten. Kulturelle Verlustängste der Menschen muss die Kirche vielmehr ernst nehmen und darf sie nicht als unchristlich oder pathologisch abtun.

Gleichzeitig ist ein neues Bewusstsein für die christliche Herkunft doch eine wunderbare Gelegenheit, an die Wurzeln unserer Kultur im christlichen Glauben zu führen. Für viele Menschen wird eine Zuwendung zum kirchlichen Christentum aber ganz wesentlich davon abhängen, ob sie mit dem Kircheneintritt ein irdisches Vaterland aufgeben müssen oder – die ewige Heimat fest im Blick – an dem weiterbauen dürfen, das ihre Vorfahren in Jahrhunderten zu einem in aller Welt bewunderten gemacht haben.

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