LEITARTIKEL: Gute Wochen im Vatikan

Das Sympathischste an der Nahost-Synode war wohl das, dass bei ihr all die leidigen Themen, die den Tanz der Medien um Papst und Vatikan in den vergangenen Monaten zum oft schrillen Kreischkonzert verkommen ließen, außen vor geblieben sind. Selbst wenn die Synodenväter über den Zölibat gesprochen haben, geschah das ganz unaufgeregt. Viele Geistliche in den katholischen Kirchen des Orients sind verheiratet. Wenn sie aber – etwa in Begleitung auswandernder Christen – im Westen wirken wollen, unterliegen sie der Zuständigkeit der römisch-katholischen Hierarchie, die sie in der Migranten-Seelsorge oft nicht arbeiten lässt. Eine Schwierigkeit, über die gesprochen werden muss. Die Synode hat es getan, ohne die seit den Missbrauchsskandalen im Westen immer wieder aufflammende Debatte um den Zölibat, so als sei dieser Schuld an den sexuellen Übergriffen von Priestern und Ordensleuten.

Dafür hatten die Patriarchen und Bischöfe aus den kleinen Ostkirchen, denen das Wasser zum Teil bis zum Halse steht, keinen Sinn. Stattdessen eine klare politische Botschaft und pastorale Empfehlungen, die Grundlage für ein nachsynodales Apostolisches Schreiben des Papstes sein könnten. Erstaunlich offen waren die den Palästinensern ausgesprochene Solidarität und der Aufruf, Israel möge die besetzten Gebiete wieder frei geben. Hier haben sich die Synodenväter nicht um „political correctness“ bemüht, sondern deutliche Worte gefunden.

Ob die „propositiones“, die abschließenden, eher die Pastoral betreffenden Vorschläge, genügend Stoff für ein Papstschreiben hergeben, wird man sehen müssen. Die beiden zurückliegenden Synoden – über die Kirche in Afrika im Jahr 2009 und über die Heilige Schrift im Leben der Kirche von 2008 – haben bisher noch kein Apostolisches Schreiben hervorgebracht. Da lieferte die jüngste Bischofsversammlung, etwa in der Frage der Jurisdiktion der Patriarchen, wenn große Teile ihrer Gläubigen in andere Länder auswandern, schon etwas mehr konkretes Arbeitsmaterial. So waren in den beiden vergangenen Jahren Zweifel laut geworden, ob sich das nach dem Zweiten Vatikanum eingeführte Instrument der ordentlichen und außerordentlichen Bischofssynode in Rom überhaupt bewährt.

Die Aussprachen über die Kirche in Afrika und die Heilige Schrift glichen oft einem großen Palaver, ohne dass sich der „rote Faden“ eindeutig bestimmen ließ. Konzilien und Synoden hat es in der Geschichte der Kirche immer gegeben. Meist jedoch kamen die Bischöfe zusammen, um konkrete Fragen und Sachverhalte zu klären – die Überwindung eines Schismas mit mehreren Gegenpäpsten eingeschlossen. Aussprachen über ein eher allgemeines Thema, bei denen jeder sagen darf, was er denkt, droht dagegen eine gewisse Beliebigkeit. Das war bei dieser Synode jetzt anders. Zu konkret und existenziell sind die Schwierigkeiten der katholischen Kirchengemeinschaften im Orient, die sich – ein historisches Datum! – in Gestalt ihrer führenden Repräsentanten überhaupt zum ersten Mal in ihrer langen Geschichte zusammengesetzt haben. Die Synode hat verkrusteten Boden aufgerissen. Jetzt kann man säen, arbeiten - und hoffentlich auch ernten. Das waren zwei gute Wochen im Vatikan.

Themen & Autoren

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer