Leitartikel: Geschichte als Waffe

Von Oliver Maksan
Foto: DT | Oliver Maksan.

Im Nahen Osten, heißt es, sei es schwer, die Vergangenheit vorherzusehen. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat diese Wahrheit jetzt spektakulär bestätigt. In einer Rede vor dem 37. Zionisten-Kongress in Jerusalem hat er in dieser Woche eine ebenso ungeheuerliche wie nach quasi einhelligem Urteil auch israelischer Experten unsinnige These aufgestellt. Hitler habe Europas Juden ursprünglich nur vertreiben wollen. Jerusalems exilierter Großmufti Hadsch Amin Al Husseini habe ihn davon abgebracht. Sie würden sonst alle nach Palästina kommen, wandte er ein. Was er dann mit ihnen tun solle, habe Hitler in seiner Hilflosigkeit gefragt. Verbrenne sie, soll der Mufti geantwortet haben. Hat also der Mufti aus Palästina Hitler erst auf die Idee des Holocaust und der „Endlösung“ gebracht?

Der belesene und historisch interessierte Historikersohn Netanjahu begab sich mit dieser Aussage nicht versehentlich auf das glatte Eis der Geschichtswissenschaft, sondern benutzte Geschichte bewusst als Waffe. Seine historisch unhaltbare Aussage soll das rechts-zionistische Dogma stützen: Die Palästinenser haben uns gestern gehasst, sie hassen uns heute, sie werden uns morgen und ewig hassen. Frieden, Koexistenz und Zwei-Staaten-Lösung sind damit unmöglich. Die fixe Idee westlicher Diplomaten und Journalisten scheitert am quasi genetischen Anti-Semitismus der Palästinenser. Netanjahu macht so Punkte auf der Rechten und speist ein neues anti-palästinensisches Motiv in das kollektive Unterbewusstsein des vom Holocaust-Trauma bis heute gezeichneten jüdischen Volkes ein. Die politische Instrumentierung des Holocaust erreicht so neue Ausmaße.

Netanjahu bleibt sich mit dieser Taktik übrigens treu. Als sich bei den letzten Parlamentswahlen eine erhöhte Mobilisierung israelischer Araber abzeichnete, wandte er sich an seine Anhänger: Die Araber strömten in Scharen in die Wahllokale, schrieb er, sie sollten es ihnen gleichtun. Seine Rechnung des „Wir gegen die“ ging, wie kalkuliert, auf. Demokratische Kultur, historische Wahrheit oder Pietät vor den Opfern der Schoa: Machiavellist Netanjahu setzt sich leichtfüßig über alles hinweg, so es ihm nutzt.

Dass der Mufti ein erbitterter Judenhasser war, ist dabei unbestritten. Dass er den Holocaust begrüßte, auch. Und dass Palästinenser meist keine glühenden Zionisten sind, ist ebenfalls wahr. Sie sehen darin eine kolonialistische Vergewaltigung ihrer Rechte, aus der ihnen nichts Gutes erwuchs. Wahr ist auch, dass es echten palästinensischen Anti-Semitismus gibt, dass religiöse Prediger und nationalistische Hetzer sich unwidersprochen derartiger Motive bedienen. Wahr ist aber auch, dass die Führung der Palästinenser sich mit zeitweise großer Zustimmung ihres Volkes für die Teilung des historischen Palästina in zwei Staaten einsetzt.

Netanjahu geißelt dieser Tage den palästinensischen Vorwurf, die Israelis wollten den Status quo auf dem Tempelberg ändern, als Lüge. Die Folge dieser von Politikern und Geistlichen betriebenen Hetze sei die gegenwärtige Terrorwelle. Das ist nicht ganz falsch. Aber mit seiner Mufti-These tut er nichts anderes. Er gießt mit dieser Unterstellung Öl in ein Feuer, das schon zu lange zu hoch lodert.

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