Leitartikel: Generation Aufbruch?

Von Jürgen Liminski
Foto: DT | Jürgen Liminski.

Winston Churchills Überzeugung, wonach er nur den Statistiken glaube, die er selbst gefälscht habe, ist bekannt. Auch Mark Twains Skepsis ist nachvollziehbar, wenn er sagt: „Es gibt Lügen und verdammte Lügen, und dann gibt es die Statistik…“ Beiden ließe sich hinzufügen: Und dann gibt es noch die Medien und Politiker, die die Statistiken ganz im Sinne von Revels Buchtitel „Das unbrauchbare Wissen“ interpretieren und nur das herauslesen, was sie gut finden. Diesen Eindruck kann jedenfalls gewinnen, wer die Reaktionen auf die neue Shell-Jugendstudie liest. Eine „Generation Aufbruch“ mache sich auf, Land und Zukunft zu erobern. „Die schaffen das“, kommentiert selbstgefällig ein älterer Kollege bei der „Welt“ und fast enttäuscht meint die „Süddeutsche“: „Krawatte statt Krawall“, es gebe kaum noch Generationenkonflikte zwischen Jugendlichen und ihren Eltern.

Schaffen sie das wirklich? Auch hier sei Mark Twain zur Lektüre empfohlen, wonach das Missliche an Prognosen eben sei, dass sie in der Zukunft liegen und deshalb nicht nachprüfbar sind. Man kann nämlich einige Daten auch so interpretieren: Das hohe Ansehen für Polizei, Gerichte und Bundeswehr – von den Kirchen ist fast keine Rede mehr, sie gehören mit Banken und Parteien zu den Institutionen, denen man wenig Vertrauen entgegenbringt – entspricht einem erhöhten Sicherheitsinteresse. Diese Jugend ist mit Blick auf das Weltgeschehen eher ängstlich. Dafür gibt es Gründe und man kann das auch als realistische Einschätzung bezeichnen. Zum erhöhten Sicherheitsbedürfnis passt jedenfalls auch der „Widerspruch“ zwischen dem guten bis optimalen Verhältnis zu den Eltern (92 Prozent), dem Nest der Alten, und der gesunkenen Neigung, eine eigene Familie zu gründen. Das ist besonders bei jungen Männern auffällig. Vor fünf Jahren sagten noch 71 Prozent von ihnen, eine eigene Familie sei für das persönliche Glück wichtig, heute sind es nur noch 57 Prozent (bei den jungen Frauen ist der Wert von 81 auf 70 Prozent gefallen) und ganz auf eine eigene Familie verzichten wollten vor fünf Jahren nur 16 Prozent, heute sind es 28 Prozent (Frauen: 10 zu 16 Prozent). Es ist schon eine Frage wert, ob der Glaube an die Zukunft in dieser Generation wirklich stärker geworden ist. Wer den natürlichen Wunsch zur Familiengründung nicht (mehr) hat oder als nicht (mehr) verwirklichbar ansieht, bei dem sind Zweifel an einer Aufbruchsmentalität angebracht.

Dem entspricht auch die gesunkene Zahl an Idealisten (nur noch 18 Prozent) und das geringe Ansehen der Kirchen. Es rächt sich hier für Kirchen und Parteien, dass sie der normalen Familie so wenig und den Randgruppen so viel Beachtung schenken. Jugendliche brauchen für ihre Ideale und Visionen von der (besseren) Welt auch Unterstützung. Familie gehört nach wie vor zu den großen Sehnsüchten. Es ist der Ort emotionaler Sicherheit. Das ist vermutlich das heimliche Thema der Jugend, nicht die Randgruppen, die in Politik, Medien und leider auch Bischofskonferenz so viel Raum einnehmen. Und die die jungen Leute vermutlich wenig interessieren. Fazit: Gefragt ist ein mentaler Aufbruch bei der älteren Generation.

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