Leitartikel: Finanzmärkte: Neue Turbulenzen

Foto: DT | Friedrich von Westphalen.
Foto: DT | Friedrich von Westphalen.

Die schöne Party mit dem Namen „Schwellenländer“ ist nun wohl auch vorbei. Zahlreiche Investoren – vor allem Fonds, nicht nur Banken – nahmen in der Vergangenheit billiges Geld in großen Massen auf, das die amerikanische Notenbank (FED), aber auch die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihrer Null-Zinspolitik als Geldschwemme anbot, um es sodann zu vergleichsweise günstigen, weil beträchtlich höheren Zinsen in den Kapitalmarkt der Schwellenländer zu schleusen. Neben der Anlage in Aktien war dies eine recht einträgliche Alternative. Doch praktisch über Nacht ist alles nicht mehr wie es war und vor allem, wie es in der auf Gewinn ausgerichteten Perspektive der Investoren sein sollte.

Überall, egal, ob türkische Lira, brasilianischer Real, argentinischer Peso, südafrikanischer Rand oder indonesischer Rupiah, gaben kürzlich die heimischen Währungen gegenüber dem Dollar als Leitwährung erheblich nach. Auslöser war der von einigen Ökonomen als „Sonderfall“ bezeichnete Umstand, dass Argentinien seine Währung um zehn Prozent gegenüber dem Dollar unter Lockerung der Devisenkontrolle abwerten ließ. Eine wahre Kapitalflucht setzte ein: Rette sich, wer kann! Das Gespenst der argentinischen Staatspleite von 2001 war plötzlich wieder lebendig.

Denn auch damals begann das Dilemma mit einer Abwertung des Pesos. Doch nun kommen weitere Faktoren hinzu: Die FED hatte bekannt gegeben, dass sie ihre Anleihenkäufe um zehn Milliarden Dollar pro Monat drosseln wolle. Das erhöht die Attraktivität amerikanischer Anleihen und ist eine der Ursachen des Kapitalabflusses. Die Inflation in den Schwellenländern – das wusste man allerdings schon lange – ist teilweise sehr hoch (in Argentinien 30 Prozent) und das Wirtschaftswachstum zeigt inzwischen stark nachlassende Tendenzen. Beides verursacht zu einem Gutteil der überreichliche Zufluss ausländischen Kapitals. Der Boom in diesen Ländern ruhte auf dem Pfeiler privaten Konsums, steigende Defizite in der Leistungsbilanz taten das ihre, fällige Strukturreformen hintanzustellen.

Die heimischen Notenbanken haben daraufhin das getan, was in den Lehrbüchern steht: Sie hoben den Leitzins teils drastisch an; die Türkei etwa von 4,5 auf satte zehn Prozent. Doch die Währungen der Schwellenländer befinden sich weiterhin in freiem Fall. Die internationale Finanzwirtschaft gibt sich von dem Eingreifen der Zentralbanken ganz und gar unbeeindruckt. Dieses weltweit agierende „Monster“ (Bundespräsident Köhler) lässt sich eben national nicht gängeln. Die Lehre aus der Finanzkrise von 2008 hat die Politik noch nicht umgesetzt.

Als Folge davon ist abzusehen, dass die Importe in diese Länder wegen der schwachen heimischen Währung noch weiter steigen werden. Das ist dann ein Kreislauf in Richtung Fatalität, weil auch die Inflation in die Höhe schießen wird, die Währungsschwäche wird immer eklatanter; eine drastische Abwertung zum Dollar ist dann eines Tages unvermeidbar. Die Devisenreserven schmelzen derweilen. Das Wachstum stagniert. Die Refinanzierung auf den internationalen Kapitalmärkten reißt weithin ab. Das sind auch die Fanfaren eines Währungskrieges. All das kann – von den Schwellenländern ausgehend – dann möglicherweise nur schwer beherrschbare Turbulenzen auf anderen Finanzmärkten auslösen.

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