Leitartikel: Fest der Entscheidung

Von Markus Reder
Leitartikel: Die Unruhe wächst

Was können Christen von Media Markt lernen? Zugegeben, die Frage scheint absurd. Hat doch der Elektronik-Konzern mit seiner provokativen Werbung in der Adventszeit für ordentlich Ärger unter Christen gesorgt. „Weihnachten wird unterm Baum entschieden“, lautete die Botschaft, der man sich in den vergangenen Wochen kaum entziehen konnte, so breit war die Kampagne gestreut. Viele Christen haben sich darüber geärgert und protestiert. Mit solchen Slogans werde ein christliches Fest dem Kommerz geopfert, hieß es. Das verletze die Gefühle gläubiger Menschen. Wer sich direkt bei Media Markt beschwerte, erhielt übrigens einen verständnisvollen Brief, der obendrein dokumentierte, dass man dort die Kunst der Besänftigung genauso beherrscht wie die der Provokation.

Aber zurück zur Eingangsfrage: Kann man aus dieser Kampagne auch irgendetwas lernen? Sagen wir es so: Immerhin hat ein nur dem Kommerz verpflichtetes Unternehmen verstanden, dass es an Weihnachten um Entscheidungen geht und dies ohne zehn Seiten Begleitpapier im Fachjargon auf den Punkt gebracht. Man fühlt sich da an Lukas 16,8 erinnert, wo es heißt: „Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes.“ Tatsächlich geht es an Weihnachten ja um Entscheidungen. Genau genommen ist Weihnachten das Fest der Entscheidung schlechthin. Ist uns Christen das immer so bewusst? Sind wir in der Lage, das unmissverständlich zu formulieren, ohne Floskeln, Theologendeutsch und Süßlichkeit? Wird das in unserem Leben so eindeutig, dass es andere zum Nachdenken anregt? Oder wird in den großen und kleinen Herausforderungen des Alltags, vielleicht sogar in unserer christlichen Routine, die große Dramatik des Weihnachtsgeschehens erstickt: Gottes Einbruch in die Welt?

Gott wird Mensch. Begreifbar, fassbar, angreifbar. Der Geburtsschrei Jesu zerstört alle Gottesbilder. Gott ist keine Idee, keine Projektion, kein philosophisches Konstrukt. Christen haben einen Glauben aus Fleisch und Blut. Weihnachten meint nicht Eiapopeia, Kerzenlicht und Klingglöckchen. So schön das alles auch sein mag. Die Geburt Christi ist die größte Revolution, die es je gab. Nichts ist danach mehr so wie zuvor. Wird das deutlich, wenn Christen Weihnachten feiern? Inmitten einer sinnentstellten Weihnacht gilt es heute, den tiefen Sinn des Festes, seinen radikalen Ernst und seine unüberbietbare Hoffnungsbotschaft zu retten. Das unterscheidend Christliche muss wieder deutlich werden. Das betrifft nicht nur Weihnachten. Das ist die große Herausforderung vor der die Kirche ganz generell steht. Genau das meint Neuevangelisierung: Als kreative Minderheit einer säkularisierten Umwelt die Liebe des menschgewordenen Gottes bezeugen. Aufrecht, unmissverständlich und in der „totalen Redlichkeit des Evangeliums“, von der Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch in Deutschland sprach. Wo das gelingt, braucht man kaum noch erwähnen, dass Weihnachten nicht unterm Baum entschieden wird. Gott hat sich für uns entschieden, für jeden Einzelnen ganz persönlich. Er hat an Weihnachten auch bereits Golgota entschieden. An uns ist es, diese Botschaft der Liebe Gottes weiterzutragen. Das setzt Entschiedenheit voraus, nicht Anpassung. Weihnachten wird in unseren Herzen entschieden. Jeden Tag aufs Neue.

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