Leitartikel: Familien vor der Systemfrage

Von Markus Reder
Foto: DT | Markus Reder.
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Wo immer die Ideologie ihr Haupt erhebt, haben Vernunft und Realismus einen schweren Stand. Das familienpolitische Gezänk dieser Tage belegt dies einmal mehr. Die Diskussion um das Betreuungsgeld erweist sich als ideologisch derart verstrahlt, dass man sich nur noch mit Grauen abwenden kann. Inzwischen hat die Debatte Züge eines Glaubenskrieges angenommen. Das muss erschrecken. Nicht nur der Begriffe wegen, die in dieser Auseinandersetzung Einzug gehalten haben. Da werden Mütter und Väter, die eine Zeit lang ihren Beruf nicht ausüben, um sich ganz ihrem Nachwuchs zu widmen, auf offener Bühne diskriminiert. Man stelle sich einmal vor, ähnlich abschätzig würde über Homosexuelle oder Migranten geredet. Da wäre manche politische Karriere schnell beendet. Mit Eltern kann man das offenbar machen.

Statt Eltern gegen Krippen und damit unterschiedliche Lebensentwürfe gegeneinander auszuspielen, wäre es Aufgabe der Politik, Familien die Freiheit zu ermöglichen, selbst zu entscheiden, was Eltern für ihre Kinder und für sich für gut und richtig halten. Und dabei dem Kindeswohl oberste Priorität einzuräumen. Wahlfreiheit ist eine Voraussetzung dafür. Doch davon sind wir weit entfernt. Dazu fehlt nicht nur der politische Wille, sondern mehr noch die Bereitschaft, die ideologischen Scheuklappen beiseite zu lassen.

Selbstverständlich braucht es das Betreuungsgeld, um wenigstens symbolpolitisch ein Stück Wahlfreiheit zu schaffen. Mehr ist das in Wirklichkeit ja nicht. Ein „Ja“ zum Betreuungsgeld bedeutet im Übrigen kein „Nein“ zum Krippenausbau. An der Notwendigkeit eines bedarfsgerechten Krippenausbaus besteht kein Zweifel. Krippenplatzgarantien nützen nichts, wenn diese Plätze nicht vorhanden sind. Aber es muss endlich auch über die Qualität der Krippenbetreuung gesprochen werden, nicht nur über die Quantität des Ausbaus.

Der ganze Zoff zeigt leider nur, wie eng familienpolitisches Denken inzwischen geworden ist. Da wird gestritten, als seien mit mehr Kitas oder ein paar Euro Betreuungsgeld alle Probleme endgültig gelöst. Das ist ein Witz. Denn hinter all dem steht die viel grundsätzlichere Frage, wie Familienleben und Arbeitswelt heute so miteinander zu vereinbaren sind, dass Kinder und Eltern keinen Schaden nehmen. So grundsätzlich diskutiert man das aber lieber nicht. Denn das hieße, die Systemfrage stellen. Ist unser System der Profitmaximierung tatsächlich zukunftsfähig? Sind Familien nicht längst die ersten Opfer?

Papst Benedikt hat am Wochenende beim Weltfamilientag in Mailand familienfreundlichere Bedingungen in Wirtschaft und Arbeitswelt gefordert und vor eben jener reinen Profitmaximierung gewarnt. Der zerstörerischen „Logik des Habens“ müsse eine aufbauende „Logik des Seins“ entgegengesetzt werden, sagte der Papst. All die Eltern, die sich Tag für Tag zwischen Familie und Beruf zerreißen, um alles irgendwie unter einen Hut zu bringen, werden es ihm mit großer innerer Zustimmung gedankt haben. Haben auch Politik und Wirtschaft zugehört?

So wie es eine „Ökologie des Menschen“ gibt, von der Benedikt XVI. in Berlin sprach, gibt es auch eine „Ökologie der Familie“. Das politische Bewusstsein dafür ist leider erschreckend unterentwickelt. Die Familie ist die Keimzelle der Gesellschaft. Der ganzen Gesellschaft! Darum ist richtig verstandene Familienpolitik niemals Klientelpolitik. Familie ist eben kein weiches Thema, auch wenn es im politischen Betrieb meist so behandelt wird. Familienvergessenheit zählt zu den politischen Todsünden. Die wirken sich aus. Nicht immer sofort, aber ganz sicher.

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