Leitartikel: Europa hat die Türken verärgert

Foto: DT | Treibt Frankreich in den Kulturkampf: Präsident Francois Hollande.
Foto: DT | Treibt Frankreich in den Kulturkampf: Präsident Francois Hollande.

Eine gute und belastbare Beziehung zu unmittelbaren Nachbarn ist oft wichtiger als große Harmonie mit entfernten Verwandten. Diese Alltagserfahrung hätte die Europäische Union lehren müssen, mit der Türkei pfleglich umzugehen. Stattdessen versprach man dem türkischen Nachbarn jahrzehntelang Unerfüllbares – die Aufnahme ins eigene europäische Haus – und überzieht die sensiblen, nationalbewussten Türken ständig in arrogantem Ton mit teils berechtigter, teils maßloser Kritik. Nun liegt das Nachbarschaftsverhältnis in Scherben – und die Granden Europas nehmen es nicht einmal zur Kenntnis.

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan dachte im Fernsehen laut über eine Neuorientierung des Landes nach, und löste damit in der Türkei – nicht in Brüssel – eine große Debatte aus. In Moskau habe ihm Präsident Putin gesagt, dass die EU für die Türkei nicht der rechte Platz sei, und er habe darauf erwidert: „Warum erlauben Sie dann nicht, dass die Türkei den ,Shanghai Five‘ beitritt? Dann wären wir gerüstet, der EU Leb wohl zu sagen!“ Es wäre falsch, daraus nun zu schließen, dass Erdogan die EU-Beitrittsverhandlungen abbricht, um sein Land einer Organisation zuzuführen, der bisher nur China, Russland, Usbekistan, Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan angehören. Eines aber wird klar: Die Verärgerung über die verlogene Hinhaltetaktik der Europäer ist in der Türkei riesig. Sie straft jene Politiker (wie Gerhard Schröder und Tony Blair) Lügen, die für den türkischen EU-Beitritt eintraten, weil eine „privilegierte Partnerschaft“ eine Beleidigung für die Türken sei. Tatsächlich hat die Entwicklung des Erdogan-Jahrzehnts aber bewiesen, dass eine wirklich „privilegierte Partnerschaft“ für beide Seiten die beste Lösung gewesen wäre. Der wirtschaftliche Boom am Bosporus macht die Türkei für das kriselnde Europa zu einem dynamischen Partner, dem man nicht ständig auf den Füßen herumtrampeln sollte. Durch eine EU-Vollmitgliedschaft jedoch würde Europa türkische Probleme importieren, für die es in Brüssel keinen Plan gibt (etwa die Kurdenfrage), während umgekehrt Ankara in Probleme involviert würde, die die Türkei überfordern (etwa die Rettung Griechenlands und Zyperns). Dazu kommt, dass keine türkische Regierung zu jenem nationalen Souveränitätsverzicht bereit wäre, der heute mit einer EU-Mitgliedschaft einher geht. Schon deshalb kann Erdogan viel leichter mit „Shanghai Five“ flirten.

Erdogans Bemerkung zu Putin offenbart aber nicht nur den Ärger über die schleppenden EU-Beitrittsverhandlungen und ihre Begleitmusik, sondern auch eine radikale Wende in der türkischen Außenpolitik. Einst brach Mustafa Kemal Atatürk mit der Außenpolitik des Osmanischen Reiches, indem er der türkischen Republik eine strikte Anpassung an Europa verordnete: „Batiya dogru!“ (Richtung Westen!) lautete die Parole. Durch radikale Anpassung an den Laizismus und autokratischen Nationalismus des damaligen Europa wollte Atatürk sein Land modernisieren. Erdogan hat diese Strategie längst aufgegeben und an ältere, osmanische Traditionen angeknüpft: Seine Türkei versteht sich als geschichtsbewusste Regionalmacht, deren Einfluss weit über ihre Staatsgrenzen hinaus greift. Und zwar in Ost und West: in den einst osmanischen Gebieten in Südosteuropa und Nahost – und wenn möglich darüber hinaus bis Brüssel und Shanghai.

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