Leitartikel: Euro: Kampf gegen die Zeit

Von Reinhard Nixdorf
Foto: DT | Reinhard Nixdorf.
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Vor einem Jahr rief das hochverschuldete Griechenland die Europäische Union und den IWF um Hilfe an. Heute bittet Athen sogar reiche Landsleute im Ausland um Geld. Denn Athens Sparpaket hat sein Ziel nicht erreicht: 8,1 Prozent sollte das Haushaltsdefizit Ende 2010 betragen, doch nach Untersuchungen der Statistikbehörde Eurostat liegt es bei 10,5 Prozent. Ähnlich geht es Portugal, das erst kürzlich unter den Euro-Rettungsschirm geschlüpft ist: Statt 8,6 beträgt sein Defizit 9,1 Prozent. Prompt schossen die Renditen für Staatsanleihen beider Länder an den Finanzmärkten steil nach oben.

Wer Spekulanten vorwirft, aus lauter Profitgier den Konsolidierungskurs der beiden Staaten zu behindern, macht es sich zu einfach. Diese Krise ist hausgemacht. Staaten leihen sich ihr Geld auf Finanzmärkten und geben dazu Anleihen aus. Wer sie erwirbt, erhält als Gegenleistung sein Geld mit einem Zinsaufschlag zurück, der umso höher ausfallen kann, wie ein Staat seine Schulden bedienen kann oder die Inflation die Verzinsung „auffrisst“.

Die Einführung des Euro ließ Länder wie Griechenland, Portugal, Irland oder Spanien grundsolide erscheinen. Plötzlich konnten sie sich Geld zu Bedingungen leihen, die bis dahin höchstens Deutschland eingeräumt wurden – und griffen zu. Doch während Deutschland dank seiner Niedriglohnpolitik wettbewerbsfähiger wurde, verloren diese Staaten an Wettbewerbsfähigkeit und wurden durch ihre Schulden fast erdrückt.

Nun sprechen Analysten und Politiker immer öfter vom „Haircut“ dieser Staaten – und das ist nichts anderes als das Synonym für Staatsbankrott.

Wenn potenzielle Geldgeber aber Staatsbankrotts nicht ausschließen, verlangen sie höhere Risikoprämien. Für die betroffenen Staaten kann das wie eine selbsterfüllende Prophezeiung wirken: Werden alte Schulden von neuen, höher verzinsten Schulden abgelöst, klettert die Staatsverschuldung in ungeahnte Höhen: Vielleicht kann Griechenland seine Schulden noch zu einem Zinssatz von vier Prozent bedienen – aber nicht zu Zinssätzen in zweistelliger Höhe. Doch zehn und mehr Prozent Zinsen sind nicht Werk von Spekulanten, die auf den Staatsbankrott wetten, sondern eine realistische Bewertung maroder Staatsfinanzen.

Deshalb springt die Europäische Zentralbank ein und ist faktisch seit Monaten der einzige Käufer am Markt, der griechische, portugiesische oder irische Staatsanleihen aufkauft, wenn die Risikoaufschläge ein bestimmtes Niveau überschreiten.

Da die Europäische Zentralbank das nur so lange leisten kann, wie die Milliarden aus dem Rettungsschirm vorhalten, läuft dies auf einen Kampf gegen die Zeit hinaus, den Griechenland, Portugal, Spanien und Irland nutzen und ihre Defizite zurückführen sollten. Ohnehin bleibt ihnen keine Wahl: Eine Bankrotterklärung würde ihre Reputation zerstören: Jahrelang würde ihnen niemand auf den Kapitalmärkten noch etwas leihen. Mit Investitionen könnten reichere Euro-Staaten diesen Konsolidierungskurs unterstützen – ohne dass der Euro-Raum zur Transfer-Union wird. Denn nur mit einer guten Konjunktur lassen sich die Herkules-Aufgaben lösen, vor denen Griechenland, Portugal, Spanien und Irland stehen.

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