Leitartikel: Es ist Zeit, zu handeln!

Von Stefan Rehder
Foto: DT | Stefan Rehder.
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Der Bundesverband Lebensrecht hat Recht, wenn er in Gestalt seines Vorsitzenden die Ansicht vertritt, das Führen einer Debatte über ein gesetzliches Verbot der Beihilfe zum Suizid erfordere Mut. Aber er irrt, wenn er meint, Politik und Gesellschaft könnten sich dafür Zeit nehmen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Politik muss handeln und zwar schnell. Andernfalls werden wir in Deutschland schon bald Zustände wie in den Niederlanden und in Belgien beklagen. Denn der Feind schläft nicht. Er hat die jahrelange Untätigkeit der Politik genutzt und die Vorarbeiten für eine weitere Aufweichung des Tötungsverbots im außerparlamentarischen Raum weit vorangetrieben.

Unter Ärzten existiert heute kein Konsens mehr darüber, dass Töten oder die Beihilfe dazu keine „ärztliche Aufgabe“ ist. Wie könnte dies angesichts massenhaft durchgeführter Abtreibungen auch anders sein? Nur dem Insistieren von Ärztepräsident Montgomery ist es zu verdanken, dass der Status quo in der Musterberufsordnung – und damit der Anschein – bislang gewahrt blieb. Doch unter der aufrechterhaltenen Fassade bröckelt es gewaltig. Selbst unter Palliativmedizinern – einst so etwas wie die „weißen Ritter“ unter den Halbgottgleichen – treiben längst auch „schwarze Wölfe“ ihr Unwesen. Die „Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben“ sucht schon seit längerem nach Ärzten, die sich für einen Musterprozess zur Verfügung stellen, mit dem ein Recht auf einen ärztlich assistierten Suizid etabliert werden soll. Und das Statistische Bundesamt in Wiesbaden veröffentlicht seit dem Jahr 2004 alle paar Jahre eine Gesamtdarstellung der Gesundheitskosten, aufgeschlüsselt nach Alter, Krankheit und Geschlecht. Was die Statistiker als Beitrag zur „Transparenz“ betrachten, wird von anderen als Aufruf verstanden, sich darüber Gedanken zu machen, wem die rapide alternde Gesellschaft beizeiten die Tür weisen müsse. Im übrigen ist die Debatte längst in vollem Gange. Seit der Arzt Michael de Ridder vor vier Jahren mit seinem Buch „Wie wollen wir sterben?“ ein Plädoyer sowohl für den „ärztlich assistierten Suizid“ wie auch für die „Tötung auf Verlangen“ vorlegte, nimmt die Zahl der Titel, die sich dieser Themen annehmen, von Jahr zu Jahr zu. Längst werben Prominente in TV-Talkshows und in Kampagnen-Videos selbst ernannte „Sterbehelfer“-Organisationen für die Legalisierung der „Tötung auf Verlangen“ oder die moralische Akzeptanz begleiteter Suizide. Was im Zeitalter von „Youtube“ und „Google“ nichts anderes heißt, als dass sie prinzipiell für jeden, jederzeit und überall abrufbar sind. Nicht von ungefähr fordern laut einer Umfrage inzwischen 66 Prozent der Deutschen die Legalisierung der „Tötung auf Verlangen“ und lehnen 72 Prozent ein gesetzliches Verbot der Beihilfe zum Suizid ab.

Nein, das Parlament muss handeln und zwar ohne dem Volk „auf's Maul“ zu schauen. Es fragt die Bürger auch nicht, ob sie das Verteidigungsbudget gutheißen, ihnen ihr Steuersatz behagt oder sie dem Lastenausgleich zustimmen. Beschlossen wird, was Volksvertreter für nötig halten, um Sicherheit zu gewährleisten und soziale Spaltungen zu vermeiden. Und genau deshalb braucht es auch ein gesetzliches Verbot der Suizidhilfe. Andernfalls wird der Tod zu einer Ware, die man kaufen kann. Bei Roger Kusch kostet seine Express-Version jetzt 7 000 Euro (DT, 6.2.).

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