LEITARTIKEL: Eine Lanze für den Hausarzt

Hochgesteckt waren die Erwartungen, als Gesundheitsminister Rösler erklärte, er kenne bei Einsparungen im Gesundheitssystem keine Tabus. Die aktuellen Sparbeschlüsse zeigen, dass auch Philipp Rösler Tabus beachten musste: Arbeitnehmer tragen die Hauptlast der Kosten – Arbeitgeber werden geschont. Die Erschließung von Wirtschaftlichkeitsreserven wird auf übermorgen vertagt – Anreize, die in der Vergangenheit in der Ärzteversorgung gesetzt worden sind, sollen eingespart werden. Die Rede ist von den speziellen Hausarztverträgen, die die Hausärzte in einigen Bundesländern ausgehandelt haben, und die der Rotstift des Gesundheitsministers treffen soll. Dort haben die Hausärzte bessere Vergütungen als im herkömmlichen System der kassenärztlichen Vereinigungen ausgehandelt. Der Minister will diese Vergütungen ans Niveau der kassenärztlichen Vereinigungen anpassen. Hausarztverbände protestieren und drohen mit der Rückgabe der Kassenzulassungen. Aber will Rösler hier nicht ein ungerechtfertiges Privileg beseitigen?

Keineswegs. Hier steht mehr auf dem Spiel als der Ausgleich von Einkommensunterschieden zwischen Fach- und Allgemeinärzten. Das Gesundheitssystem der Zukunft braucht den Hausarzt und seine Vermittlerrolle zwischen Patienten und Fachärzten. Deshalb müssen Anreize gesetzt werden, um diesen Beruf zu ergreifen. Schon jetzt gibt es in einigen Gebieten Deutschlands eine hausärztliche Unterversorgung. Prognosen besagen, dass bis 2020 fünfzehntausend Hausärzte fehlen werden. Gelingt es nicht, den Beruf des Hausarztes wieder für angehende Ärzte attraktiv zu machen, drohen unnötige Kostensteigerungen.

Denn das Gesundheitssystem der Zukunft braucht Generalisten. Bisher ist es auf Akut-Krankheiten und Unfälle eingerichtet – Krankheiten, die rasche Hilfe und die Arbeit des Facharztes erfordern. Danach orientiert sich auch das ärztliche Vergütungssystem. Mittlerweile aber überwiegen die chronisch-degenerativen Krankheiten: Mindestens ein Fünftel der Bevölkerung leidet unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Karzinomen, Muskelkrankheiten, Stoffwechsel-Störungen, wie zum Beispiel Diabetes mellitus, unter chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen und unter psychischen Erkrankungen. Hier fällt der größte Teil der Krankheitskosten an. Auf diese Lage muss sich die ärztliche Versorgung einrichten: Künftig müssen Ärzte mehr als bisher Menschen, die an einer Krankheit oft bis zum Ende ihres Lebens leiden, bis zu diesem Ende begleiten.

Natürlich macht diese Aussicht Spezialisten und Apparate nicht überflüssig, aber sie verstärkt das Gewicht der hausärztlichen Behandlung: Das Gesundheitssystem der Zukunft braucht den Generalisten, der die ganze Bandbreite der Medizin kennt, den Arzt, der mit seinem Patienten und seinen Krankheiten vertraut ist und ihn erst dann zum Facharzt überweist, wenn dies auch nötig ist. So gesehen sind die Proteste des Hausarztverbandes alles andere als der Aufschrei einer privilegierten Gruppe. Es ist kurzsichtig, diese Berufsgruppe zum Sparschwein des Gesundheitssystems zu machen: Die Besserstellung des Hausarztes ist eine sinnvolle Investition in die Zukunft.

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