Leitartikel: Eine Kultur, die vitalisiert

Von Stefan Meetschen
Stefan Meetschen
Foto: DT | Stefan Meetschen.

Todgeweihte leben länger. Ein Satz, der auch für Europa gilt. Denn: Was ist in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten nicht alles über Europa und seine lebensbedrohlichen Krisen lamentiert worden? Griechenlands Schulden, Großbritanniens EU-Ausstieg, schließlich die von fehlender Abstimmung und Solidarität geprägte Migrationskrise – stets schien das Scheitern Europas unmittelbar bevorzustehen.

Inzwischen zeigt sich aber: Eigentlich ist Europa ganz fidel. Die Menschen in Katalonien bringen – wie man zurzeit auf besonders dramatische Weise miterleben kann – ihre regionale kulturelle Tradition und Identität ins Spiel; auch aus Polen (siehe dazu den Artikel auf der Seite 6) kommen Signale eines ungebrochenen europäischen Traditionsbewusstseins. Am Wochenende zogen dort Tausende von Rosenkranzbetern an die Grenzen des Landes, um für den Frieden und den Erhalt der eigenen religiösen Kultur zu beten. Ein Engagement, das in manchen kirchenfernen Kreisen des Kontinents sicherlich Erstaunen, wenn nicht gar Befremden auslöst, ein Engagement aber auch, das bei vielen Traditionsverbundenen Katholiken Europas für Bewunderung sorgt. Gehört zur lokalen Heimat nicht immer auch die religiöse Beheimatung? Macht dies nicht Europas vielfältigen Reichtum aus? Wobei die Veranstalter, was gut und wichtig ist, sich ausdrücklich von islamophobem Gedankengut distanzieren. Den Glauben aus der „verschämt verschlossenen Privatsphäre“ (Krakaus Erzbischof Marek Jedraszewski) herauszuholen, ihn selbstbewusst in die Öffentlichkeit zu tragen – darum scheint es den polnischen Katholiken zu gehen. In einer Zeit, da christliche Symbole immer stärker aus dem alltäglichen Lebensvollzug der EU-Mitgliedsstaaten verdrängt werden und – wie auf der christlichen Website live.net.ch zu lesen – in mehreren Schulen Grossbritanniens auf Empfehlung einer Religions-Kommission aus Rücksicht auf Nichtgläubige immer häufiger die klassische christliche Zeiteinteilung „B.C.“ und „A.D.“ vermieden wird, ist dies ein ermutigendes Zeichen. Denn: Europas Kultur braucht das Christentum, um das Hinabsinken in profane, menschenfeindliche Beliebigkeit zu verhindern. Es ist Teil seiner DNA.

Wie wichtig das Christentum als Kulturträger für die Zukunft Europas tatsächlich ist, das hat auch eine Riege von renommierten europäischen Denkern, darunter Robert Spaemann, Roger Scruton und Rémi Brague, erst kürzlich bekräftigt – in Form der sogenannten „Pariser Erklärung“ (im Internet zu finden unter: thetrueeurope.eu). Mag diese Erklärung vielleicht auch etwas langatmig und an manchen Stellen pathetisch sein, aufgrund des differenzierten Charakters und der Analysekraft verdient dieses Papier Beachtung.

„Wir glauben, dass Europa“, heißt es dort etwa, „eine Geschichte und eine Kultur hat, die es wert sind, erhalten zu werden. (...) Wir müssen auch die hohe Kultur und das ästhetische Ideal in Europa erneuern, indem wir das Erhabene und Schöne wieder als einen gemeinsamen Standard anerkennen und die Herabsetzung der Kunst zu politischen Propagandazwecken ablehnen.“

Natürlich: bei künstlerischen Fragen darf man (ebenso wie bei politischen) geteilter Meinung sein, doch daran, dass Europa das Erhabene und Schöne zur Vitalisierung braucht, sollte kein Diskussionsbedarf bestehen.

 
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27.01.2022, 17 Uhr
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