Leitartikel: Ein Schwert mit zwei Schneiden

Von Oliver Maksan
Foto: Archiv | Oliver Maksan.
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Darf der konfessionelle Faktor eine Rolle spielen, wenn es um die Aufnahme von Flüchtlingen geht? Natürlich, und zwar dann, wenn er eine Rolle im Krisenland spielt, aus dem die Flüchtlinge kommen. So wie in Syrien. Das mag man in manchen Kreisen im Westen nicht gerne hören, weil das Szenario von von radikalen Islamisten bedrohten Christen konträr zur multikulturellen Weltsicht steht. Doch ist dies in dem sich zunehmend konfessionalisierenden Konflikt leider der Fall. Keine Frage: Alle Syrer sind dort von der Gewalt betroffen. Die Minderheiten indes – Christen und Alawiten voran – sind auch wegen ihrer Konfession bedroht.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich hat deshalb recht, wenn er syrischen Christen die für eine Aufnahme in Deutschland nötige besondere Schutzbedürftigkeit zusprechen will. Wie schon im Falle irakischer Christen sind sie die schwächsten Glieder innerhalb ihrer zerbrechenden Länder. Keine bewaffnete Guerilla steht hinter ihnen.

Die Aufnahme in den Westen darf indes nur eine ultima ratio sein, wenn sich regionale Lösungen für das christliche Flüchtlingsproblem erschöpft haben. Und dies scheint der Fall. Sichere Zonen innerhalb Syriens gibt es nicht. Selbst die bislang einigermaßen ruhige Ostprovinz droht von der Gewalt ergriffen zu werden. Syrische Bischöfe gingen um Weihnachten herum davon aus, dass bereits 25 bis 30 Prozent der einst über zwei Millionen christlichen Syrer das Land verlassen hätten. Die Nachbarländer sind längst überfordert. Der Libanon ächzt unter der Last von hunderttausenden syrischen Flüchtlingen. Und in den Flüchtlingslagern in der Türkei und Jordanien fürchten sich Christen vor Islamisten. In der Türkei wollen sie deshalb eigene Camps in den verbliebenen christlichen Regionen wie etwa dem Tur Abdin errichten.

So humanitär geboten die Aufnahme syrischer Christen indes unmittelbar auch ist: Sie ist ein zweischneidiges Schwert. Der libanesische Kardinal Rai etwa, Patriarch der Maroniten, spricht sich gegen eine solche Lösung aus. Das Asyl orientalischer Christen im Westen führe zu einem Exodus auf Nimmerwiedersehn. Zudem sendet die bevorzugte Aufnahme von Christen in die Länder der Region ein doppelt falsches Signal: Dass die orientalischen Christen eigentlich in den als christlich wahrgenommenen Westen gehören. Und dass sich islamistische Drohungen gegen Christen und andere religiöse Minderheiten lohnen.

Wie dem auch sei: Mit der Aufnahme einiger hundert oder tausend christlicher Syrer können sich Deutschland und der Westen aber nicht aus der Verantwortung stehlen. Die syrische Frage kann nur politisch, nicht humanitär gelöst werden. Die von strategischen Interessen diktierte Assad-muss-weg-Politik des Westens – jüngst von US-Präsident Obama in Jerusalem wiederholt – hat sich in die Sackgasse manövriert. Der Gipfel des Zynismus ist aber erreicht, jetzt über die Bewaffnung der Rebellen nachzudenken, wie dies Frankreich und Großbritannien tun. In Mali bekämpft man die Islamisten, in Syrien nimmt man in Kauf, dass ihnen Waffen in die Hände fallen. Hier darf Deutschland auf keinen Fall mittun.

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