Leitartikel: Die Heiligen des Jahres

Von Regina Einig
Foto: DT | Regina Einig.
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Heiligsprechungen gehören traditionell zum pädagogischen Instrumentarium der Päpste. Das Leben nach dem Evangelium, Praxis und Lehre der Kirche erhalten durch heroische Christen ein individuelles Gesicht. Neben der Verehrung des Volkes spielt auch das Geschichtsverständnis des Nachfolgers Petri eine Rolle. Ohne die Bitte Johannes Pauls II., die Lebensbilder der Blutzeugen des zwanzigsten Jahrhunderts zu sammeln, wären viele Märtyrer des Kommunismus und des Nationalsozialismus heute nur in ihren Ortskirchen bekannt, manche vielleicht in Vergessenheit geraten. Sie zur Ehre der Altäre zu erheben war ein zweifaches Signal: zum einen für die Macht der Gnade, die Menschen zum Lebensopfer für Christus befähigt, zum anderen ein Fingerzeig, dass das lebendige Zeugnis der Märtyrer totalitäre Regime überdauert.

Auch Benedikt XVI. setzte die Heiligen zur Bewusstseinsbildung ein. Mit Hildegard von Bingen und Johannes von Avila erhielten die Katholiken zwei krisenerfahrene Kirchenlehrer. Klare Analyse kirchlicher Missstände, kluges Handeln statt Jammern zeichneten beide aus. Darum taugen sie als zeitlos aktuelle Vorbilder.

Und Papst Franziskus? Er sieht sich in diesen Tagen dem absurden Vorwurf einiger Traditionalisten ausgesetzt, er wolle am Sonntag das Konzil heiligsprechen. Dabei hat gerade der Pontifex aus Argentinien durch unkonventionelle Entscheidungen die ununterbrochene Linie kirchlicher Lehrtradition und zugleich die reiche Missionsgeschichte in den Blick gerückt.

Von der Revolutionsromantik linker Befreiungstheologen ist die Auswahl neuer Heiliger in diesem Pontifikat jedenfalls nicht bestimmt worden: Per Dekret, ohne Feier und ohne vorherigen Nachweis eines Wunders zur Ehre der Altäre erhoben hat Papst Franziskus bisher ausschließlich „vorkonziliare“ Heilige wie die Jesuiten Peter Faber (1506–46) und José de Anchieta (1534–1597) sowie die Missionare François de Montmorency-Laval (1632–1708) und Maria Guyart (1599–1672). Zu seinen persönlichen geistlichen Vorbildern zählte er im Interview mit der Zeitschrift „La Civilta Cattolica“ auch andere vom Trienter Konzil geprägte Theologen der ersten Jesuitengeneration wie Louis Lallement (1588–1635). Wer also auf päpstliche Ehrungen für traditionskritische Geister gehofft hatte, sieht sich enttäuscht. Reform im Licht der Tradition und Mission, Leitmotive der Heiligen der Gegenreformation, gelten unter Christen allerdings häufig als kaum vermittelbar, Dialog und Inkulturation statt Mission hingegen als zeitgemäße Antwort. Das Charisma der eigenen Gründergeneration ist manchen Gemeinschaften so fremd geworden, dass sie Prozesse nach der Maxime „gebt das Geld lieber den Armen“ bewusst nicht anstreben. Und auch die Entscheidung, welche Werke eines Heiligen übersetzt werden oder nicht, richtet sich oft stärker nach politischen als seelsorglichen oder wissenschaftlichen Kriterien.

Doch braucht die Kirche nur noch fromme Streetworker? Das Kapitel Kirchengeschichte, das am Sonntag geschrieben wird, lässt eine solche Engführung jedenfalls nicht zu. Papst Franziskus zieht mit den Heiligsprechungen des Jahres 2014 die Linien kirchlicher Tradition aus und unterstreicht Reform und Mission im Licht der Konzilien als unaufgebbaren Auftrag der Kirche.

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