Leitartikel: Die Gunst der Stunde genutzt

Der Islam ist in eine neue Phase seiner Geschichte eingetreten. Der Besuch des Papstes fällt in eine Zeit, in der die islamistische Alternative ihre Dynamik verloren hat. Von Oliver Maksan
Dipl. Theol. Oliver Maksan
Foto: Unbekannt

Der Islam ist in eine neue Phase seiner Geschichte eingetreten. Dass Papst Franziskus jetzt zusammen mit dem Großimam aus Kairo ein Dokument unterzeichnen konnte, das auch Nicht-Muslimen volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung verspricht, ist ein Meilenstein, auf den sich jeder Christ im Nahen Osten fortan berufen kann.

Diese neue Offenheit hat Papst Franziskus natürlich nicht gemacht. Er hat aber die Gunst der Stunde genutzt. Sein historischer Besuch in Abu Dhabi fällt in eine Zeit, in der die islamistische Alternative ihre Dynamik verloren hat, die vor ziemlich genau vierzig Jahren mächtig einsetzte. Damals kehrte Ajatollah Khomeini aus dem französischen Exil in seine Heimat Persien zurück. Die Islamische Revolution, die am 11. Februar folgte, veränderte die islamische Welt, nicht nur die schiitische. Der Islam schien fortan die Lösung zu sein. Diese Losung hatte der Gründer der Moslembrüder Jahrzehnte früher ausgegeben. Doch erst jetzt waren die Verhältnisse im Iran für eine islamische Revolution reif. Radikale Kräfte waren auch in der sunnitischen Welt am Werk. In Mekka stürmten im selben Jahr radikale Wahabiten unter Dschuheiman Al Uteibi die Große Moschee. Auf die extremistische Herausforderung reagierte das Haus Saud mit dem Export des wahabitischen Islam bis in die letzten Winkel der islamischen Welt. Die Saudis bekämpften Feuer mit Benzin. Al Quaida, schließlich der „Islamische Staat“ sind Folge dieser fatalen religionspolitischen Weichenstellungen des Jahres 1979. Der islamistische Terror war geboren. Von Khomeini über die Moslembrüder bis zu ISIS gibt es bei aller ideologischen Differenz eine Linie: Sie setzten gegenüber dem Mainstream den Ton. Hilflos musste das islamische Establishment in der Region zusehen, wie Fanatiker Fakten schufen, wie sie sie vor sich hertrieben. Weil der IS den Terror aber auf die Spitze getrieben hat, schlägt das Pendel jetzt zurück. Eine veritable Revolution von oben ist in Gang. Saudi-Arabiens Kronprinz spricht von Toleranz und Koexistenz. Sogar ein Abstecher nach Abu Dhabi schien möglich. Ägyptens Staatspräsident Sisi besucht christliche Gottesdienste und lässt in Ägyptens neuer Verwaltungshauptstadt die größte Kirche der Region errichten. Und das Herrscherhaus der Emirate schließlich macht sich zum Zentrum eines Gipfels der Weltreligionen mit Papst Franziskus und dem Großimam von Al Ashar an der Spitze. Natürlich ist die islamische Seite von mächtigen Interessen getrieben. Die Machthaber der Region suchen nach neuer Legitimität nach außen wie nach innen. Ein staatsnaher, von staatlichen Interessen gelenkter Islam war es, dem Franziskus in Abu Dhabi die Hand schüttelte. Besonders der Großimam darf als treuer Verbündeter von Ägyptens Staatschef Sisi gelten. Sisi war es, der eine islamische Revolution anmahnte – diesmal aber eine andere als die Khomeinis. Und von umfassender Religionsfreiheit und Gleichberechtigung ist die islamische Welt natürlich noch weit entfernt. Starke Gegenkräfte wirken. Auch der orthodoxe Islam, dem Franziskus jetzt in Abu Dhabi begegnet ist, will keine Französische Revolution, ist an Koran und Tradition gebunden. Dennoch ist die päpstliche Religionsdiplomatie ohne Alternative. Nichts ist wichtiger für die Christen im Orient, als dass ihre muslimischen Nachbarn sie in ihrer Andersheit respektieren. Denn kein Maschinengewehr schützt die christliche Präsenz auf die Dauer besser als Akzeptanz.

 
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