Leitartikel: Die Erwartungen nicht erfüllt

Kinderschutz: Wer die Kirche vom Missbrauch befreien will, muss auch nach den Gründen dieser Krankheit im Klerus fragen. Der Gipfel in Rom tat das nicht. Von Guido Horst

Große Bischofstreffen in Rom haben ihre eigene Dynamik. Man erlebt es bei den Bischofssynoden, die vielleicht vom Thema her keine Durchbrüche oder Weichenstellungen bringen, aber doch den kollegialen Geist stärken und für den Einzelnen zu einer Bereicherung werden. Das galt etwa für die Sonderversammlung zum Mittleren Osten im Oktober 2010, die die Bedrängnisse der Christen in dieser Krisenregion nicht abstellen konnte. Aber zum ersten Mal in der Geschichte kamen die Bischöfe und Patriarchen der unterschiedlichsten mit Rom unierten orientalischen Kirchen zusammen, lernten sich kennen, sprachen miteinander und gingen gestärkt in ihre Heimatländer zurück.

Die Versammlung der Spitzen der Bischofskonferenzen und Ordensoberen aus aller Welt, die am Sonntag in Rom zu Ende gegangen ist, war keine Synode. Aber auch hier fühlten sich die Bischöfe vom kollegialen Geist getragen und haben sich offen über die zurzeit wohl schlimmste Krankheit der Kirche austauschen können: die Missbrauchsskandale in den eigenen Reihen und die Krise, die die Verbrechen an Schutzbefohlenen in der Kirche und bis in den Vatikan hinein ausgelöst haben.

Dieses „Gipfeltreffen“ war nicht dazu da, Beschlüsse zu fassen. Aber alle Kirchenverantwortlichen in der Welt wissen jetzt, dass sie gemeinsam eine große Aufgabe zu bewältigen haben, eine Reinigung und Läuterung, wie aber auch ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit und Konzentration auf die Opfer. Viel Unheil ist über manche Regionen der Kirche gekommen, weil die Kirchenverantwortlichen den Kinderschutz nicht auf dem Radar hatten. Das ist jetzt anders.

Trotzdem war die Wahrnehmung des Missbrauchs-Gipfels durch die Öffentlichkeit eine Enttäuschung. Nach einem anfänglichen Aufruf des Papstes, nun auch konkret zu werden, zerfaserte der weitere Ablauf des Treffens in unterschiedlichsten Vorschlägen und Anregungen, die sich zum Teil widersprachen, und endete mit einer als programmatisch angekündigten Ansprache von Franziskus, die allgemeine Prinzipien formulierte, aber den Eindruck erweckte, die römische Kirchenführung wolle sich an die Spitze einer weltweiten Bewegung gegen den Kindesmissbrauch als universalem Phänomen setzen, ohne zunächst im eigenen Haus mit den Aufräumarbeiten zu beginnen.

Fünf Monate lang hatte der Vatikan Zeit, das Treffen ordentlich vorzubereiten. Es gibt viele offene Fragen. Sie betreffen das kirchliche Strafrecht, die Aufsicht über nachlässige oder gar vertuschende Bischöfe, die Beteiligung von Laien beim Kinderschutz, die Arbeitsabläufe zwischen Rom und den Ortskirchen und die Auswahl der Kandidaten für das Priestertum und für das Bischofsamt. Fachleute hätten dazu sprechen, es hätte entsprechende Papiere und ausgearbeitetes Material geben können. Stattdessen war die Botschaft ganz am Ende, dass der Vatikan jetzt zu arbeiten beginnt und es kleinere Folgetreffen geben wird.

Vor allem aber: Wenn ein Organismus von einer Krankheit befallen ist, fragen die behandelnden Ärzte nach den Gründen und den Erregern, die diesen Organismus infiziert haben. Das hat in Rom keiner getan. Sicherlich ist der Teufel der große Versucher. Aber durch welche Einfallstore hat er viele im Klerus konkret befallen? Klerikalismus und Machtmissbrauch sind allgemeine Schlagworte, die das Übel eher verschleiern als auf den Punkt bringen können.

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