Leitartikel: Die Crux der Liberalen

Von Regina Einig
Regina Einig
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Die jüngsten Äußerungen des Papstes über die Piusbruderschaft sind ein Aufruf zur Unterscheidung. Zwar gewichten immer weniger Katholiken päpstliche Äußerungen und römische Verlautbarungen nach ihrer Wertigkeit. Interviews, Apostolische Exhortationen, Enzykliken, Konzilsdokumente und Dogmen haben dennoch nicht dieselbe Bedeutung und binden auch das Gewissen der Gläubigen nicht im selben Grad. Über die von Franziskus in der Zeitung „La Croix“ geäußerte Einschätzung, es gebe Fortschritte im Dialog mit der Priesterbruderschaft, darf man geteilter Meinung sein und könnte es dabei bewenden lassen. Aus der blitzartigen Reaktion des Gesprächskreises „Juden und Christen“ beim Zentralkomitees der deutschen Katholiken spricht allerdings mehr als nur Abneigung gegen die Traditionalisten. Eine Versöhnung mit der Priesterbruderschaft im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit würde sowohl das binnenkirchliche Klima als auch den ökumenischen Dialog nachhaltig beeinflussen. Mangel an Sensibilität für die christlich-jüdischen Beziehungen sind dem gegenwärtigen Pontifikat bisher nicht nachzusagen.

Dass Franziskus auf klare Begriffe und die konsequente argumentative Linienführung seiner Vorgänger verzichtet hat Folgen – nicht nur für traditionsbewusste Katholiken, sondern auch für liberale. Wenn niemand weiß, ob der Papst kraft seines Amtes ohne Rücksprache Fakten schafft, verhalten sich Theologen und Bischöfe abwartend, denn wer kann vorhersagen, ob eine Geste der Barmherzigkeit und die weit geöffneten Arme des Papstes mehr zählen als bedrucktes Papier? Das Dilemma der Liberalen liegt auf der Hand: Statt einer erhofften „Revolution in Rom“ hat sich netto nichts geändert. Den Zölibat aufweichen will der Papst nicht. Allgemein flaut das Interesse an der Kirche ab, Theologen halten sich zurück, statt die Linien weiter nach links auszuziehen. Auch in disziplinarischen Fragen wie die Kommunionzulassung für wiederverheiratete Geschiedene oder den Express-Ehenichtigkeitsverfahren zeichnen sich keine Sensationen ab: Aufgrund des nachkonziliaren Zusammenbruchs der kirchlichen Disziplin bleibt in der Praxis meist alles beim Alten. Und nun?

Der Papst will Brücken bauen, aber kein theologischer Lehrer sein. Er schafft spontan Fakten. Damit sind die Voraussetzungen für Relativierungen geschaffen, die auch vor den Superdogmen der liberalen Theologie nicht haltmachen, etwa dem Ökumenismusdekret und der Erklärung Nostra aetate. Konzilstexte nach Gusto zu gewichten beanspruchen progressive Theologen bisher zwar für sich, gestehen es anderen aber nicht zu. Dass die Beschlüsse von Sacrosanctum concilium und Lumen gentium in vielen Ortskirchen nie umgesetzt worden sind, hat nach dem Konzil viele enttäuschte Gläubige zur Piusbruderschaft getrieben. Eine einseitige Anerkennung der Piusbrüder durch den Heiligen Stuhl wäre zwar nicht als Absage an das Konzil misszuverstehen. Doch das Zweite Vaticanum wäre dann kraft päpstlicher Entscheidung, was es aus Sicht liberaler Theologen unter keinen Umständen werden darf: Spiegel der Autorität des Petrusamts und Glied einer langen Kette von Konzilien, statt einziger Referenzpunkt. Schon jetzt sind die Piusbrüder die Gewinner dieses Pontifikats.

 
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