Leitartikel: Der IS auf dem Rückzug

Von Oliver Maksan
Foto: DT | Oliver Maksan.

Der Islamische Staat sei im Orient in der Defensive, heißt es, und schlage deshalb im Westen – zuletzt in Brüssel – wild um sich. Das ist sicher nicht ganz falsch. Dennoch muss man sehen, dass die Bekämpfung der Feinde des Kalifats in ihrem eigenen Territorium stets Teil der IS-Ideologie war. Es gab im Unterschied etwa zu Al Kaida nur eine andere zeitliche Prioritätensetzung: Erst das Kalifat, dann der Kampf gegen den fernen Feind.

Das Kalifat ist derweil an seine Grenzen gestoßen. Es gibt für den IS derzeit praktisch keine Ausdehnungsmöglichkeiten mehr im Nahen Osten. Da ist die US-geführte Koalition vor. Vielmehr ist die Terrormiliz auf dem Rückzug. Etwa 40 Prozent des Territoriums, das sie im Jahr 2014 im Irak und Syrien hielt, sollen verloren gegangen sein. Das sagt jedenfalls das US-Militär, das allerdings dazu neigt, jeden taktischen Rückzug der Dschihadisten im irakischen und syrischen Wüstensand zum strategischen hochzujubeln. Schließlich müssen sie zeigen, dass die Strategie ihres Oberbefehlshabers Obama, im Kampf gegen den IS auf Luftschläge und nicht Bodentruppen zu setzen, Erfolg hat. Den IS an der Ausdehnung zu hindern und zurückzudrängen ist dabei das Eine. Ihn letztlich zu besiegen und eine stabile Ordnung an seine Stelle zu setzen, aber das Andere. Das gilt für Syrien wie den Irak.

Der Sieg der syrischen Armee in Palmyra illustriert, dass sich die Dinge gegen den IS wenden. Das hat vor allem mit der Stärkung der Regimeseite zu tun. Die durch den Waffenstillstand freigewordenen Kapazitäten, vor allem aber die russische Unterstützung haben die vor einem Jahr vor dem Zusammenbruch stehende syrische Armee wieder zur Offensive ertüchtigt. Der IS bekommt diese neue Stärke Assads zu spüren. Assad ist mit dem Sieg in der Weltkulturerbestätte zudem ein gewaltiger Propagandacoup gelungen. Er kann endlich in der Konstellation spielen, die er von Anfang an gewollt hat: Ich oder der IS. Zweifellos ist Assad das kleinere Übel verglichen mit dem kalkuliert apokalyptischen Terror der Dschihadisten. Doch eine nachhaltige Lösung ist auch Assad für Syrien nicht. Dazu ist seine Person und das Regime zu verbrannt, ist die Basis zu gering, auf die er sich stützen kann. Assad hofft jetzt auf einen Siegfrieden zu seinen Gunsten. Doch ein Siegfriede birgt den Keim neuer Konflikte in sich. In jedem Fall kann das Regime nicht weitermachen wie vor März 2011. Ein innersyrischer machtpolitischer Ausgleich ist die Voraussetzung jeder Stabilisierung des Landes. Das sehen auch die Russen so. So sich ihre Interessen auch anderweitig wahren ließen, wären sie bereit, Assad dafür zu opfern.

Wie in Syrien ist es aber auch im Irak entscheidend, was und wer den IS nach seiner Zerschlagung ersetzt. Bekanntlich kann der IS auf die Unterstützung weiter Teile der sunnitischen Stämme zählen. Sie sehen in ihm ein Instrument gegen die schiitisch dominierte Regierung in Bagdad. Man kann Mossul aufgrund seiner schieren Größe deshalb auch nicht wie Ramadi befreien. Dort ist die Stadt infolge von Luftangriffen und Artilleriebeschuss weitgehend zerstört. Will man die Bevölkerung Mossuls nicht gegen sich aufbringen, ist eine andere militärische Vorgehensweise nötig, vor allem aber bedarf es politischer Einbindungsperspektiven in Bagdad. Die fehlen im Irak wie in Syrien.

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