Leitartikel: Das katholische Nagasaki betet

Von Alexander Riebel
Foto: DT | Alexander Riebel.

Es war ein Symbol der veränderten Welt, als sich kürzlich Japaner und Deutsche zu einer Gedenkfeier in Potsdam trafen: Bei der Potsdamer Konferenz hatte der amerikanische Präsident Harry Truman 1945 den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima festgelegt und damit eine Ära des Schreckens eingeleitet. Seitdem ist Japan die Nation, die besonders sensibel auf das Atomwaffenarsenal der Großmächte reagiert. Denn die Spuren der Atombombenangriffe sind bis heute allzu sichtbar. Noch immer gibt es Krankenhäuser in Hiroshima und Nagasaki, die die überlebenden Strahlenopfer, die hibakusha, pflegen sowie deren Angehörige der nachfolgenden Generationen. Wer sich bei der Atombombenexplosion in einem Radius von 1 500 Metern aufhielt und nicht durch Feuer oder die Druckwelle getötet wurde, starb innerhalb von zwei Monaten. Nach einer Woche traten die Folgen der Radioaktivität auf, auch bei denen, die weiter entfernt waren. Die weißen Blutkörperchen wurden vernichtet und der Körper war schutzlos gegen alle Bakterien. Leukämie und innere Blutungen waren die weiteren Folgen, Krebs aller Arten brach unter den Opfern aus und verstärkte das Leiden. Die beinahe 74 000 Toten und 73 000 Verletzten der Bombe, die am 9. August um 11.02 Uhr in 500 Metern über Nagasaki explodierte, sind eine Mahnung für die leichtsinnige Nachwelt. Denn inzwischen schätzt man die Atombombengefahr viel höher ein als damals – es könnte durch Zufall, Terroristen oder Diktatoren zur Katastrophe kommen.

Besonders perfide war es, Nagasaki anzugreifen. Die Bombe fiel über dem katholischen Zentrum der Stadt. Auf Fotos der Zerstörung im Epizentrum sind die Reste von vier Schulen, einem Krankenhaus und der römisch-katholischen Urakami-Kirche zu sehen – die barbarische Tat eines westlichen Landes. Dass die beiden von Atombomben zerstörten Städte verschiedene Mentalitäten hatten, führte dazu, dass es in den folgenden Jahrzehnten in Japan hieß: Hiroshima protestiert, das katholische Nagasaki betet.

Die zweite Atombombe – gegen Nagasaki – war als Drohung gegen Russland gerichtet, das zwei Tage nach dem Angriff auf Hiroshima Japan den Krieg erklärt hatte; zugleich hat sie den Eintritt in den Kalten Krieg markiert. Dass die Bombe gegen Russland gerichtet war, ist für das Selbstverständnis der japanischen Nachkriegsgeschichte wichtig, denn man will der Selbstberuhigung des Westens widersprechen, dass die Atombomben nur den Sinn hatten, den Krieg zu verkürzen und das Leben amerikanischer Soldaten zu schützen, die nicht mehr zur Invasion auf die Hauptinsel aufbrechen mussten: Die Atombombe als Friedensstifter. Diese Version vom Atomschlag ist bis heute nicht nur in Amerika, sondern überhaupt im Westen weit verbreitet. Nicht die Atombomben, der Kriegseintritt Russlands – das ist Japan wichtig – sind der Grund für die Kapitulation; militärisch waren die Atombomben überflüssig, denn Japan hatte keine Kampfkraft mehr. Nach dem Krieg hat sich Japan wohl zu Recht als Testgebiet für die Wirkung von Radioaktivität angesehen, was seit 1945 in Japan zu tiefem Misstrauen gegenüber den Amerikanern geführt hat, denen demütigende Strahlenmessungen an Überlebenden wichtiger waren als sich um die Opfer zu kümmern.

Dass sich heute über 70 Prozent der Überlebenden der Atomschläge gegen das neue Schutzabkommen der japanischen Regierung mit den Verbündeten der Großmächte aussprechen, im Fall eines Angriffs zur Hilfe in „kollektiver Selbstverteidigung“ zu kommen, spiegelt die aktuelle Diskussion in Japan wieder. Die Menschen haben genug unter Atomwaffen gelitten.

Themen & Autoren

Kirche

Papst in Budapest
Budapest
Umkehr: Die wahre Reform der Kirche Premium Inhalt
In Budapest wurde die Tiefendimension der Kirche sichtbar: Mit Blick auf Christus ist sie jung, dynamisch, fröhlich, ökumenisch, missionarisch und attraktiv. Ein Kommentar.
16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier