Leitartikel: Breivik und die Internetunkultur

Von Johannes Seibel
Leitartikel: Den Menschen rehabilitieren

Er beruft sich auf „Notwehr“ und bedauert, nicht weiter gegangen zu sein: Seit gestern steht Anders Breivik in Oslo vor Gericht. Er hat im Sommer vergangenen Jahres 77 Menschen in Norwegen kaltblütig ermordet und dafür krudeste politische Ideologien als Motivation angeführt. Der Attentäter selbst sieht den für Norwegen schwierigsten Prozess seiner Geschichte nach eigener Aussage als „absolut einmalige Möglichkeit, der Welt meine Ideen zu erklären“. Er bekennt sich zu seiner Tat, zeigt aber keine Reue und will sie nicht als Verbrechen verstanden wissen – wobei er, wie Gutachten klärten, nach Maßstäben der Psychologie zurechnungsfähig ist.

„Notwehr“ und „der Welt meine Ideen“ erklären: Das sind die Stichwörter, mit deren Hilfe sich am Fall des Attentäters Breivik gegenwärtige gefährliche Bruchstellen im Bewusstsein der westlichen Welt markieren lassen. Die Geistes- und Ideengeschichte kennt dafür auch zwei Fachbegriffe: Manichäismus und Eklektizismus. Manichäismus meint die Lehre von zwei sich radikal getrennt gegenüberstehenden Prinzipien wie Licht und Finsternis, Gut und Böse, Geist und Materie. Eklektizismus meint den Rückgriff auf unterschiedliche Denkstile und Theorien vergangener Zeiten, die mangels eigener Originalität und Denkkraft wild zu einem einem eigenen Denksystem zusammengebastelt werden, wobei zusammenkommt, was nicht zusammengehört. Wo eine zweipolige, radikale Grundhaltung von Freund/Feind, Gut/Böse, Licht/Finsternis mit nicht diszipliniertem, ungebildetem, wildem Denken zusammentrifft, ist der Griff zur Gewalt nicht mehr weit – das lehrt die Geschichte.

Wenn Breivik für sich „Notwehr“ in Anspruch nimmt, dann zeigt das, dass er von einer manichäischen Grundhaltung tief durchdrungen ist. Für ihn ist die westliche Welt, der er angehört, radikal bedroht, von Feinden von innen und außen umstellt – diese Wahrnehmung, die er durch die manichäische Brille macht und mit den unterschiedlichsten Inhalten von Sozialdemokratie bis Islam füllen kann, rechtfertigt für ihn seine Gewalt. Und hier kommt das Internet ins Spiel, das für Breivik das entscheidende Medium seines Denkens und Handels ist.

Auch das Internet kennt die Zweipoligkeit der im Grunde manichäischen Wirklichkeitswahrnehmung – es funktioniert nach dem Prinzip ja/nein, gefällt mir/gefällt mir nicht, Daumen rauf/Daumen runter. Für diejenigen, die in einer manichäischen Haltung gefangen sind, stellt es zudem alle Möglichkeiten des Eklektizismus zur Verfügung. Hier konnte Breivik sich die aberwitzigsten unterschiedlichen Denkkonstrukte, die er benötigte und die frei zugänglich im weltweiten Netz herumschwirren, so zusammenbasteln, dass sie in sein Weltbild passen, es bestätigen und damit verstärken. Dass Breivik in seinem Gerichtsprozess der „Welt seine Ideen erklären“ will, illustriert, dass er gar nicht mehr anders kann als sich im Muster der eklektizistischen Internetunkultur eines WorldWideWeb zu bewegen. Er will nichts weniger mehr als weltweit sein. Das hat die Bombe Breivik scharf gemacht.

Die unheilvolle Verbindung von Manichäismus und Eklektizismus, wie sie das Internet fördert – das ist eine Gefährdung der politischen Kultur des Westens, für die Breivik ein Symbol ist.

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