Istanbul

Leitartikel: Außenpolitischer Scherbenhaufen

Erdogan agiert wie ein Therapeut, der sich berufen fühlt, die Traumata der Türken zu heilen. Die Reaktion Europas muss ihn zur Realpolitik zurückführen.

Streit um Erdgas im östlichen Mittelmeer
Erdogan leidet auch unter imaginierten Demütigungen, die die Türkei seit einem Jahrhundert durch den Westen erdulden musste. Foto: - (Turkish Presidency/AP)

Zwei Leitmotive prägten die türkische Außenpolitik seit Atatürks Zeiten: „Richtung Westen!“ und „Null Probleme mit den Nachbarn“. In beiderlei Hinsicht steht Erdogan im 18. Jahr seiner Herrschaft vor einem Scherbenhaufen. Die Türkei ist noch NATO-Mitglied, kauft aber Kriegsgerät bei Erdogans mächtigem Seelenverwandten Wladimir Putin und droht dem verhassten NATO-Nachbarn Griechenland mit Krieg. Sie ist noch EU-Beitrittskandidat, doch haben beide Seiten nach Jahren wechselseitiger Demütigungen und Drohungen diese realitätsferne Perspektive längst tief begraben. Ideologisch ist die Türkei heute kein Teil von irgendetwas und kein Partner von irgendwem. Ihre traditionelle Westorientierung ist Geschichte, ihre zunächst kemalistische, später neo-osmanische Nachbarschaftspolitik liegt in Trümmern.

Das Problem: Selbstverständnis und Weltbild Erdogans

Dabei war Erdogan erfolgreich gestartet, den Ausgleich mit Armenien, Griechenland und Zypern gesucht, zwischen Syrien und Israel vermittelt, den Start von EU-Beitrittsverhandlungen erwirkt. Mit seinem immer autokratischeren Stil allein ist das Desaster aller außenpolitischen Ambitionen nicht zu erklären. Sicher, auch in Brüssel, Athen und Nikosia wurden Fehler gemacht. Der Beginn von EU-Beitrittsverhandlungen war der folgenschwerste, weil er einer Utopie nachjagte und die sensiblen Türken mit dem EU-Faktencheck permanent beleidigte. Die Hauptursache für den Scherbenhaufen liegt jedoch im Selbstverständnis und Weltbild Erdogans: Er hat nicht die realen Interessen seines Landes im Blick, sondern eine in die Zukunft projizierte, idealisierte Vergangenheit osmanischer Herrlichkeit. Und er agiert nicht wie ein Politiker, sondern wie ein Psychotherapeut, der sich dazu berufen fühlt, die Traumata seines Volkes zu heilen und ihm zu einer neuen Selbstsicht zu verhelfen.

Zuletzt beschwor er das neue Selbstbewusstsein der Nation, die er mit Entschlossenheit führen wolle, um „die Vorherrschaft zu beenden“, die „wie ein Dolch in der Seite der Nation“ stecke. Die Türkei sei stark genug, „unmoralische Karten und Dokumente zu zerreißen“. Angesichts des Streits mit Griechenland und Zypern um die Erdgasvorkommen im östlichen Mittelmeer kommt aus Ankara seit Wochen ein martialisches Pathos, das eine militärische Auseinandersetzung zwischen den feindlichen NATO-Partnern Griechenland und Türkei denkbar scheinen lässt.

Erdogan leidet unter imaginierten Demütigungen

Doch es geht nicht nur um Erdgas. Erdogan leidet unter imaginierten Demütigungen, die die Türkei seit einem Jahrhundert durch den Westen erdulden musste: unter dem Ende des Osmanischen Reichs, unter den Grenzziehungen des Vertrags von Lausanne 1923, unter der vermeintlichen Diskriminierung von Türken in der Diaspora, unter der Hochnäsigkeit Europas gegenüber Ankara, unter der Einflusslosigkeit in der arabischen Welt. Weil die kooperativen Versuche, die Türkei als hochgeachtete Regionalmacht zu etablieren, scheiterten, versucht Erdogan es jetzt auf die brachiale Art.

Die EU wird die Samthandschuhe ausziehen und klarstellen müssen, dass sie im östlichen Mittelmeer nicht neutraler Vermittler zwischen Athen und Ankara ist. Sie steht auf der Seite des internationalen Rechts und europäischer Interessen. Ankara reizt das Erpressungspotenzial des Flüchtlingsdeals neuerlich aus. Aber angesichts der ökonomischen Schwäche der Türkei hat die Handels- und Wirtschaftsmacht EU sicher nicht weniger Trümpfe in der Hand.

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