Leitartikel: Anpfiff: Gott und der Ball

Von Markus Reder
Foto: DT | Markus Reder.
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Das Leben hat wieder Sinn: Die Bundesliga hat begonnen. Das ist natürlich völliger Quatsch. Nicht der Start in die neue Saison, seit gestern Abend rollt der Ball tatsächlich wieder. Blödsinn ist, dass Fußball irgendetwas mit dem Sinn des Lebens zu tun hat. Merkwürdig nur, dass sich Millionen Fans ganz anders verhalten. Für viele von ihnen bedeutet Fußball – genauer ihr Verein – Sinnstiftung. Mehr noch: Fußball ist ihnen zur Ersatzreligion geworden. Ja, Fußball ist die vielleicht erfolgreichste Plastikreligion überhaupt, obwohl der Ball nicht aus Plastik, sondern aus synthetischem Kunststoff besteht. Fußball bringt allerdings auch alles mit, was es für einen synthetischen Religionsersatz braucht: Gemeinschaft, Gesang, Ritus, Heiligenverehrung. Spieler werden unsterblich, Tore erlösen, Stadien verwandeln sich in Kult- und Anbetungsstätten. Und der Spielrhythmus prägt die Fan-Woche wie das Tagzeitengebet das Klosterleben.

Ihr Verein ist Fans derart heilig, dass sie sogar da bereitwillig Absolution erteilen, wofür sie jeden Boni-Banker verdammen würden. Da wird mit Millionenbeträgen in Spieler„material“ investiert und fehlinvestiert, als ob es kein Morgen gäbe. Fußball ist ein Megageschäft. Was auch daran liegt, dass dieser Sport derart pseudoreligiös aufgeladen ist. Nun gibt es Leute, darunter so genannte Wissenschaftler, die überzeugt sind, die Kirche könne vom Fußball lernen. Das ist schon insofern falsch, als sich der Fan-Kult religiöser Versatzstücke bedient, die ihren eigentlichen Sitz im Leben in der Kirche haben. Will man aus den quasi religiösen Inszenierungen in Fußballstadien Konsequenzen ziehen, dann sollte es der Blick in den Schatz der eigenen Tradition sein. Verbunden mit der Frage, was man so alles wegrationalisiert und entritualisiert hat, bevor es in den Sporttempeln säkulare Auferstehung feierte.

Die Fußball-Religion ist Indiz für eine große Sehnsucht nach etwas, was über den Einzelnen hinausragt, was Gemeinschaft stiftet und wenigstens für ein paar Augenblicke den lästigen Diesseitsdruck sprengt, um nach Höherem zu greifen. In Wirklichkeit erweist sich die spätkapitalistische Brot-und-Spiele-Kultur als eine der schillernsten Formen von Weltflucht, eine Flucht aus dem Grau des Alltags in den schönen Schein der von Flutlicht angestrahlten Sportwelt. Doch die Fußballwelt ist nicht nur schön, sondern auch gnadenlos. Es gibt kein Erbarmen und keine Barmherzigkeit. Heute Held, morgen Hassfigur. Eine gefühlstaube Gesellschaft braucht solch emotionale Extreme, um überhaupt etwas zu spüren. So wird die Fußball-Religion zur Prothese für abgestorbene Gefühle. Eine Prothetik, die sich besonders für Männer als emotionale Gehhilfe eignet.

Fußball als Ersatzreligion zu entzauber, bedeutet keinen Fan-Verriss, keine böse Blutgrätsche gegen wahre Sportbegeisterung, die mit roter Karte geahndet werden müsste. Es geht vielmehr darum, die Wirklichkeit jenseits des Spielfeldes nicht aus den Augen zu verlieren. Johannes Paul II. – Jahrtausend-Papst, demnächst Heiliger, Fan (Sportklub Krakau) mit fußballerischen Lebenserfahrung (Torwart) – wird der schöne Satz zugeschrieben: „Unter den vielen Nebensachen der Welt, ist Fußball bei weitem die wichtigste“. Das war zwar nicht ex cathedra gesprochen, stimmt aber dennoch. Die Wahrheit, sie liegt tatsächlich auf dem Platz. Und da liegt nur ein Ball. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Gott ist nicht rund. Er ist ist die Liebe, die dem Leben Sinn und der tiefsten Sehnsucht des Menschen Erfüllung gibt. Dass die Begeisterung für diesen Gott unter Gläubigen oft weniger spürbar ist, als die Begeisterung von Fans für ihren Verein darf allerdings zu denken geben.

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