Lehrer und Seelsorger

Der Sozialethiker Wolfgang Ockenfels OP erhielt den Joseph-Höffner-Preis. Von Stefan Rehder
Wolfgang Ockenfels OP erhielt den Joseph-Höffner-Preis
Foto: Bernhard Raspels

Weise, aber kein bisschen leise ist der Dominikaner Wolfgang Ockenfels. Nicht, dass es dafür noch eines Beweises bedarf. Aber der 69-jährige Leiter des „Instituts für Gesellschaftswissenschaften Walberberg“ und Chefredakteur der vom Institut herausgegebenen Zeitschrift „Die neue Ordnung“ wäre wohl nicht er selbst gewesen, hätte er am vergangenen Donnerstagabend im Arbeitnehmer-Zentrum Königswinter (AZK) nicht beides erneut unter Beweis gestellt. Und da die Freude an der Provokation zu dem 1947 in Honnef geborenen Ockenfels in etwa genauso gehört, wie das Tragen des hierzulande aus der Mode gekommenen römischen Priesterkragens oder seine Vorliebe für Zigarren, begann Ockenfels, nachdem ihm die Joseph-Höffner-Gesellschaft den mit 5 000 Euro dotierten „Joseph-Höffner-Preis“ für seine „herausragende Verdienste um die Christliche Gesellschaftslehre“ verliehen hatte, seine Dankesrede mit einer Frotzelei: „Ich wusste gar nicht, dass ich so bedeutsam bin und so viele Verdienste auf mir lasten“, sagte Ockenfels, der 30 Jahre lang den Lehrstuhl für Christliche Sozialwissenschaften an der Theologischen Fakultät Trier inne hatte und im vergangenen Jahr emeritiert worden war, um sich dann direkt an den Vorsitzenden der „Joseph-Höffner-Gesellschaft“, den Bonner Sozialethiker Lothar Roos SJ, zu wenden: „Lieber Lothar, eigentlich hättest du ja diesen Preis verdient. Aber als Vorsitzender der Joseph-Höffner-Gesellschaft kann man sich den Preis nun einmal nicht selbst zuschustern. Sonst hätte ich das mit dem ,Augustin-Bea-Preis‘ längst gemacht, zumal der etwas höher dotiert ist.“ Vergangenen Monat erst hatte die „Internationale Stiftung Humanum“, deren Präsident der weit über Deutschland hinaus bekannte Bettelmönch ist, den mit 30 000 Euro dotierten und nach dem deutschen Kurienkardinal Augustin Bea (1881–1968) benannten Preis dem emeritierten Kölner Erzbischof, Joachim Kardinal Meisner, verliehen.

Auch im weiteren Verlauf seiner launigen Dankesworte verstand es Ockenfels immer wieder, für die Erheiterung der rund 100 geladenen Gäste zu sorgen. Zu ihnen hatte sich auch der frühere Fraktionsvorsitzende der nordrhein-westfälischen CDU Bernhard Worms gesellt, der 1985 Johannes Rau beim Kampf um das Amt des Ministerpräsidenten des bevölkerungsreichsten Bundeslandes unterlag und später von Norbert Blüm als Staatssekretär ins Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung berufen worden war.

Zuvor aber hatte der Jesuit und langjährige Leiter der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach (KSZ), Anton Rauscher, unter dessen „Mentorat“ sich Ockenfels 1984 in Augsburg mit der Arbeit „Politisierter Glaube? Zum Spannungsverhältnis zwischen katholischer Soziallehre und politischer Theologie“ habilitierte, den Gästen in seiner Laudatio einen luziden Einblick in das theologische und sozialethische Denken seines einstigen Schülers vermittelt. Dabei zeichnete Rauscher das Bild eines angesehenen Gelehrten, der sich nicht darauf beschränkt, die katholische Soziallehre „in die wissenschaftliche Diskussion einzubringen“, sondern es darüber hinaus bis auf den heutigen Tag versteht, diese auch „in ihrer praktischen Bedeutung für die Bewältigung von sozialen und politischen Problemen geltend zu machen“. Anders formuliert: der „alte 68er“ (Ockenfels über Ockenfels) mischte sich in gesellschaftspolitischen Debatten ein und ging dabei auch keinem Streit aus dem Weg. Ob es um die Auseinandersetzung mit den Gewerkschaften, der Ockenfels als Assistent des berühmten katholischen Sozialwissenschaftlers Arthur Fridolin Utz OP bereits seine Doktorarbeit („Gewerkschaften und Staat. Zur Reformdiskussion des Deutschen Gewerkschaftsbundes“) widmete, der marxistisch angehauchten „Theologie der Befreiung“, das „C“ der CDU, den Lebensschutz oder die Soziale Marktwirtschaft ging, stets habe Ockenfels mit der Wahl seiner Themen ein „feines Gespür“ dafür bewiesen, auf welche Fragen Menschen Antwort suchten. Als exemplarischen Beleg dafür, wie Ockenfels Wissenschaft in allgemeinverständliche Werke zu gießen versteht, führte Rauscher Ockenfels „Kleine Katholische Soziallehre – Eine Einführung“ an, die bislang vier Auflagen erlebte und in sechs Sprachen übersetzt wurde. „Wer Ockenfels liest, dem wird nicht langweilig. Im Gegenteil: Oft genug reizt schon seine Sprache zum Nachdenken“, resümierte Rauscher.

Und auch wenn es der „Nestor der Katholischen Soziallehre in Deutschland“, als den Roos Rauscher in seiner Einführung bezeichnete hatte, in seiner Laudatio nicht explizit aussprach, so wird man sich Ockenfels wohl als jemanden vorstellen müssen, der die rechte Lehre als notwendige Bedingung erachtet, um den Glauben in rechter Weise leben zu können. Dass der Gelehrte, der in seiner Dankesrede seine Begeisterung für den Wissenschaftler Höffner offenbarte, sich nicht nur als Lehrer, sondern auch als Pastor versteht, dafür sprach an dem Abend im AZK nicht nur die Warmherzigkeit, mit welcher der streitbare Dominikaner Weggefährten und Doktoranten begrüßte, sondern auch, dass Rauscher am Ende Ockenfels dafür dankte, dass er „in all den Jahren einen klaren Kurs gesteuert“ habe und in einer Zeit, in der „viele Christen nach Orientierung Ausschau“ hielten, „selbstbewusst und überzeugungstreu“ für das „christliche Menschen- und Gesellschaftsverständnis der katholischen Soziallehre“ eingetreten sei.

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