Lebensschutz wird weiter ausgehebelt

Aktive Sterbehilfe in den Niederlanden: Hubert Hüppe (CDU) sieht die Gefahr, das Deutschland nachziehen wird. Von Clemens Mann
Foto: axentis | ist Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen.
Foto: axentis | ist Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen.
Herr Hüppe. Vor zehn Jahren ließ die Niederlande als erster demokratischer Staat aktive Sterbehilfe zu. Sie haben das Gesetz scharf kritisiert. Sehen Sie jetzt Ihre Befürchtungen bestätigt?

Ja. Die Zahl der Sterbehilfefälle nimmt weiter zu. Zugleich hat man immer mehr die Indikationen, unter denen aktive Sterbehilfe erlaubt ist, erweitert. In einigen Fällen ist gar nicht mehr sicher, ob die Entscheidung in vollem Bewusstsein getroffen worden war. Und gleichzeitig wächst der Druck aus dem Umfeld, womit es zu neuen Fällen kommt. Inzwischen gibt es Institutionen, die ambulante Teams zu Patienten schicken, um die Patienten zu töten und Häuser, in denen man sich töten lassen kann. Am Anfang argumentierte man noch mit extremen Ausnahmen. Jetzt nutzt man die bestehenden Regelungen, um den Lebensschutz weiter auszuhebeln.

Inzwischen gibt es immer mehr Fälle von Patienten mit Altersleiden und Demenz. War damals schon absehbar, dass es bei Ausnahmefällen nicht bleiben wird?

Das ist immer das Problem bei Diskussionen um bioethische Fragen: Zuerst ignoriert man ein Dammbruch-Argument. Und wenn dann der Dammbruch erfolgt ist, sagt man, jetzt haben wir den Dammbruch, jetzt können wir auch weitergehen. Mittlerweile geht es ja nicht mehr nur Altersleiden und Demenz. In den Niederlanden dürfen seit 2005 Neugeborene mit schwersten Behinderungen unter bestimmten Bedingungen straffrei getötet werden. Das Beispiel Niederlande hat sich auch auf Belgien ausgeweitet. Jugendliche dürfen da zwar noch nicht Autofahren, aber verlangen, dass sie getötet werden. Unter dem Deckmantel der Selbstbestimmung wird so eine Hürde nach der anderen beseitigt.

Die Zahl der registrierten Sterbehilfe-Fälle nimmt zu. Liegt eine Ursache auch darin, dass der christliche Glaube und das zugehörige Menschenbild verdunstet?

Nicht nur das christliche Menschenbild verbietet das aktive Töten anderer Menschen. Es zeigt sich aber, dass man sich durch die Konstruktion von Ausnahmefällen an das Töten gewöhnt. Nehmen Sie die Debatte um Peter Singer, der die Tötung von neugeborenen Kindern für zulässig hält. Vor ein paar Jahren gab es noch massenhafte Proteste. Heute bekommt er in Deutschland einen Ethikpreis. Es fängt immer gleich an: Man appelliert an Gefühle wie Mitleid, dann werden Ausnahmeregeln erlassen und später folgen Lockerungen. Bei der Pränataldiagnostik war das so, bei Abtreibung mit den verschiedenen Indikationen auch, bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) werden wir es genauso erleben.

Schwindet durch die Zulassung von Verfahren wie PID das Bewusstsein für den Wert des Lebens? Unterwirft man Leben nicht immer stärker ökonomischen Zwängen?

Ja. In einem Land wie Deutschland, in dem die Bevölkerung immer älter wird, wächst anscheinend auch die Bereitschaft, Menschen mit Behinderungen, Menschen mit Schmerzen, Menschen in hohem Alter und mit Krankheiten zumindest ein Recht einzuräumen, sich töten zu lassen. Damit wächst aber auch der Druck, sich selbst töten zu lassen. Früher war es Schicksal und zu akzeptieren, wenn jemand schwer erkrankt war. Wenn ein schwerkranker Mensch die Möglichkeit bekommt, sich töten zu lassen, wird er sich in seinem Umfeld eher rechtfertigen müssen. Er wird erklären müssen, warum er von der Möglichkeit keinen Gebrauch macht und stattdessen seinen Angehörigen und der Gesellschaft zumutet, ihn zu pflegen und ihm beizustehen.

Sehen Sie die Gefahr, dass es bald aktive Sterbehilfe in Deutschland geben wird?

Die Gefahr ist vorhanden. Durch unsere dunkle Geschichte haben wir einige ethische Normen noch nicht so stark aufgeweicht wie die Niederlande oder Belgien. Vor einigen Jahren habe ich aber auch nicht geglaubt, dass wir so schnell die PID einführen. Unter dem Deckmantel der Selbstbestimmung kann das alles sehr schnell gehen.

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