Berlin

Lebensschützer im Herzen Berlins

Beim „Marsch für das Leben“ demonstrieren Teilnehmer und Gegner auf beiden Seiten des Brandenburger Tors.

Demonstration "Marsch für das Leben" gegen Abtreibungen
Mehr als 3.000 Teilnehmer wurden am Samstag in Berlin beim Marsch für das Leben gezählt. Foto: Jörg Carstensen (dpa)

Berlin, Samstag, 19. September 2020, 12:00 Uhr. Strahlender Sonnenschein. Das Reichstagsgebäude zur Linken, das Holocaust-Mahnmal zur Rechten, im Rücken die Straße des 17. Juni, steht vor der Rückseite des Brandenburger Tors eine Bühne, die diesen Namen verdient. Rechts daneben eine Videoleinwand, weder klein noch protzig. Die Lebensrechtsbewegung in Deutschland hat aufgerüstet. Die Polizei auch. Nachdem sich im vergangenen Jahr rund 100 Gegendemonstranten unter die Marschteilnehmer schmuggelten und am Reichstagsufer eine Sitzblockade errichteten, ist der Platz des 18. März, auf dem die Lebensrechtler ihre Kundgebung abhalten wollen, vollständig abgeriegelt. An den wenigen Schleusen mustern Beamte in schwerer Schutzausrüstung jeden, der auf das halbkreisrunde Areal zu gelangen wünscht. Hier und da müssen Taschen und Rucksäcke geöffnet werden. Alle Besucher tragen die vorgeschriebene Mund- und Nasenbedeckung und bemühen sich, die Abstandsregeln (1,5 Meter) einzuhalten. Manche tragen einen Schlauchschal mit der Aufschrift „Ich bin Mensch“. Die Polizei wird später von 2 300 Teilnehmern sprechen, der Bundesverband Lebensrecht (BVL) von mehr als 3.000. Erstmals bilden Jugendliche unter ihnen die größte Gruppe.

Der befürchtete Boxenwettkampf fällt aus

Auf der anderen Seite des Brandenburger Tors, durch das jetzt niemand mehr hindurchgehen kann, haben die Gegendemonstranten Aufstellung bezogen. Auf dem Pariser Platz zwischen der Kanzlei der US-amerikanischen Botschaft und dem Hauptstadtbüro des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft hat das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung zu einer Kundgebung geladen. Weil deren Bühne und Lautsprecheranlage mehrere Nummern kleiner ausfallen, fällt der von manchem befürchtete Boxenwettkampf kurzerhand aus. Auch die Gegendemonstranten tragen Mundschutz, viele einen regenbogenfarbenen, andere einen schwarzen, auf dem „Weg mit § 218“ zu lesen ist. Die Veranstalter sprechen nachher von Tausenden. Eine Übertreibung um eine ganze Zehnerpotenz. Die „Grüne Jugend“ hat ein Transparent mitgebracht.

Auf ihm steht: „Mein Körper, meine Entscheidung“. Viele haben die englische Übersetzung, „my Body, my choice“, auf Pappschilder geschrieben. Die übrigen Botschaften reichen von „Ballern statt Beten“ bis zu „I asked God. She is pro choice.“ Auf der anderen Seite des klassizistischen Wahrzeichens eröffnet kurz nach 13 Uhr die BVL-Vorsitzende Alexandra Linder die Kundgebung. Linder verweist auf die Bedeutsamkeit der Menschenwürde, die Grund aller Grundrechte sei und daher diesen vorgeordnet bleiben müsse: „Nur mit der Menschenwürde, die jeder Mensch von seiner Existenz an bis zu seinem Tod bedingungslos hat, kann ein humaner Rechtsstaat Bestand haben.“ Der ehemalige Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Johannes Singhammer, nennt den „Marsch für das Leben“, der in diesem Jahr bereits zum sechzehnten Mal stattfindet, eine „große Bürgerinitiative“, die „aus allen Teilen Deutschlands“ zusammengekommen sei. Diese richte sich gegen niemanden und verurteile niemanden, insbesondere „nicht Frauen und Mütter in schwierigen Notlagen, sondern möchte helfen“. „Wir unterstützen Mütter, Väter, Kinder und selbst verständlich auch Kinder, die noch nicht das Licht des Lebens erblickt haben.“ Dann lobt der CSU-Politiker den Einsatz von Politik und Gesellschaft für die Bewahrung der Schöpfung. Allerdings mache es „keinen Sinn, Ökologie nur halbherzig zu betreiben“. Die Bewahrung der Schöpfung müsse „ganzheitlich verstanden“ werden. Das menschliche Leben sei „Teil“ und „Krönung der Schöpfung“.

Singhammer: „Wer die Schöpfung umfassend schützen will, der kann das ungeborene menschliche Leben nicht ausschließen. Der Schutz der Natur vor menschlichen zerstörerischen Eingriffen muss auch für das ungeborene menschliche Leben gelten. Ungeborene Kinder dürfen nicht ausgegrenzt werden, als wären sie kein Teil der Natur und der Schöpfung. Kinder sind immer Teil der Natur und der Schöpfung: Die Geborenen und die Ungeborenen.“

Für Frauen in Notlagen widmen

Die blinde Sängerin Bernarda Brunovic, Halbfinalistin des TV-Wettbewerbs „The Voice of Germany“, trägt ihren Song „Welcome on Earth“ vor, nachdem zuvor die „Outbreakband“ die Marschteilnehmer musikalisch unterhalten hatte. Auf der Videoleinwand wird der Trailer des Films „Unplanned“ gezeigt. Der Film erzählt das bewegte Leben der US-Amerikanerin Abby Johnson, die eine Planned Parenthood-Abtreibungsklinik in Texas leitete und sich zu einer der einflussreichsten Lebensrechtlerinnen wandelte. Die von der „Stiftung Ja zum Leben“ finanzierte deutsche Synchronfassung des Films ist ab dem 16. Oktober auf DVD und Bluray erhältlich.

Sich diesen Film anzuschauen, dafür warb neben Projektmanagerin Maria Schmidt auch Schwester Monja Boll von der Gemeinschaft „Familie für das Leben“. Die junge Ordensfrau berichtete von ihren Erfahrungen mit Frauen in Konfliktschwangerschaften, die ihre Gemeinschaft im Haus Nazareth in Bad Laer bei Osnabrück rund um die Uhr begleitet sowie von der Gehsteigberatung, die die Gemeinschaft vor niederländischen Spätabtreibungszentren durchführt.
Sie sei heute hier, „um auch an die zweiten Opfer einer Abtreibung zu erinnern. Unsere Hilfe sollte genauso ihnen gehören. Auch sie müssen gehört werden, sie müssen ernst genommen werden in ihren dramatischen Lebenssituationen, in denen sie sich oft befinden: vor und nach einer Abtreibung.“ Es sei, so Schwester Monja weiter, nicht schwer, „Menschenleben zu retten. Man muss es nur wollen.“ Frauen, aber auch Männer, die unter den Folgen einer Abtreibung litten, hätten „in gewisser Weise auch ihr Leben verloren. Nicht nur das Leben, das sie gezeugt haben, sondern auch ihr eigenes Leben“ sei oftmals „gefährdet“. Nicht selten gerieten sie „in alle möglichen Abhängigkeiten, verfallen in schwerste Depressionen oder begehen teilweise gar Suizid“. „Wenn wir uns für das Leben einsetzen, dann darf es uns nicht nur darum gehen, Babys vor einem furchtbar grausamen Tod zu bewahren. Wir müssen uns auch den Frauen in ihren Notlagen widmen, ihnen zur Seite stehen.“

Die sympathische Ordensfrau berichtet sodann von persönlichen Erlebnissen. Von einer 16-Jährigen, die ihr, aus der Klinik kommend, in die Arme fällt und schreit: „Mein Bauch ist so leer. Mein Bauch ist so leer.“ Von einer Frau, die von ihrem Partner in die Klinik gezerrt wird, während sie ihn um das Leben ihres Kindes bettelt.

Einheimische und Touristen schauen zu

Von „einem Schrank von Mann“, der „kreideweiß“ und „zitternd“ berichtet, er habe „schon viel Schlimmes und Grausames“ gesehen, sei sowohl „im Krieg als auch im Gefängnis“ gewesen, doch was er gerade in der Abtreibungsklinik erlebt habe, „übertreffe alles“. Auch der menschenwürdige Umgang mit schweren Behinderungen wird thematisiert. Eine Mutter, die sich geweigert hatte, ihre Tochter abzutreiben, nachdem Ärzte bei ihr eine Anenzephalie diagnostizierten – einem Neuralrohdefekt, der dafür sorgt, dass den Betroffenen Teile des Gehirns und der Schädeldecke fehlen – berichtet von ihrer dramatischen Schwangerschaft. Aber auch von dem kurzen Glück zu dritt, als die Eltern das nicht überlebensfähige Kind in den Armen halten und ihm – von Angesicht zu Angesicht – ihre Liebe erweisen können, bis Hanna, so der Name des Mädchens, schließlich stirbt.

Gegen 14:15 Uhr setzt sich der Marsch in Bewegung. Über die Dorotheenstraße geht es rechts in die Wilhelmstraße. Auf der Prachtallee Unter den Linden zieht der Marsch weiter und biegt rechts in die Friedrichstraße ein. Auf Höhe der U-Bahn-Station Französische Straße ertönen plötzlich Buhrufe von oben. Ein einzelner Mann steht am Fenster und zeigt den Lebensrechtlern die Mittelfinger seiner Hände. Spontanes Gelächter. Dann winken einige Jugendliche dem Aufgebrachten freundlich zu. Anders als in vergangenen Jahren hat die Polizei die Querstraßen nicht erst an den Kreuzungen abgesperrt, sondern bereits rund 300 Meter davor. Hören können die Marschteilnehmer die Gegendemonstranten dennoch. Die Parolen sind seit Jahren die gleichen. Weiter geht es über die Leipziger Straße. Einheimische und Touristen auf den Bürgersteigen unterbrechen ihren Einkauf, bleiben stehen und schauen den Vorbeiziehenden zu. Viele wirken interessiert, Vereinzelte scheinen irritiert.

Am Potsdamer Platz biegt der Marsch rechts in die Ebertstraße ein. „Auch wir lernen dazu“, erzählt ein Beamter auf Höhe des Holocaust-Mahnmals einem Marschteilnehmer. Nach der Sitzblockade im vergangenen Jahr sei es für die Polizei in diesem „eine Ehrensache“, dass sich Vergleichbares nicht wiederhole. Ohne Zwischenfälle gelangen die Marschteilnehmer erneut auf den Platz des 18. März. Beim anschließenden Ökumenischen Gottesdienst springt Regensburgs Bischof Rudolf Voderholzer für den verhinderten Bischof Anba Damian von der koptisch-orthodoxen Kirche in Norddeutschland ein, der kurzfristig absagte. Auch der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt und der Augsburger Weihbischof Florian Wörner befinden sich unter den Teilnehmern. Die Predigt hält der Erzbischof von Berlin, Heiner Koch. Koch betont die Einmaligkeit eines jeden der rund 107 Milliarden Menschen, die Wissenschaftlern zufolge bisher auf Erde gelebt hätten. Jeden von ihnen habe Gott „einmalig begabt“ und „einmalig beauftragt“. Diese Einmaligkeit mache die Würde und Größe des Menschen aus. „Kein Mensch hatte vor Dir die Aufgaben, die sich in Deinem Leben Dir stellen“, spricht Koch die Gottesdienstteilnehmer persönlich an. „Mag sein, dass andere Menschen sich ähnlichen Herausforderungen ausgesetzt sehen, aber es waren höchstens ähnliche. Nur Du, Mensch, kannst sie mit Deinen Möglichkeiten und Fähigkeiten auf Deine Weise meistern.“

Beatrix von Storch bei ökumenischem Gottesdienst

An dem Ökumenischen Gottesdienst nimmt auch die AfD-Spitzenpolitikerin Beatrix von Storch teil. Hatte sie im vergangenen Jahr die Kundgebung zu Beginn des Marsches noch für ein ausgiebiges Fotoshooting genutzt, so verzichtet sie in diesem Jahr auf die Publicity und lauscht stattdessen der Predigt des Erzbischofs. Der fährt fort: „Deshalb kämpfen wir als Menschen und als Christen für die Würde und Größe des Menschen und für sein Lebensrecht in jedem seiner Lebensaugenblicke: Wir kämpfen für das Lebensrecht des ungeborenen Kindes genauso wie für das Lebensrecht dessen, der in den Augen der Gesellschaft gering geachtet wird. Wir kämpfen für die Lebenswürde des Migranten und Flüchtlings genauso wie für die des Kranken, des Leidenden und des Sterbenden.“ Und weiter: „Wenn wir Grenzen des Lebensrechtes setzen würden, dann würden wir diese auch uns selbst setzen und unsere Größe und Einmaligkeit, ja unser ganzes Leben als Mensch zerstören.“ Daher gelte es, „uns und allen Menschen in Erinnerung“ zu rufen: „Mensch, vergiss Deine Größe und Würde nie, vergiss sie nicht und fördere die Größe eines jeden Menschen in jeder seiner Lebensphasen.“ Als die Lebensrechtler schließlich das Areal verlassen und die Masken abnehmen, blickt man in viele strahlende Gesichter.

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