Kusch bietet Express-Suizid an

Suizidhilfe-Verein mit neuer Satzung – 7 000 Euro für „Lebensmitgliedschaft S“ Von Stefan Rehder
Foto: dpa | Roger Kusch in einer Pressekonferenz.
Foto: dpa | Roger Kusch in einer Pressekonferenz.

Vielleicht hatte Roger Kusch es ja bereits gewusst. Vielleicht hat er auch bloß spekuliert. Wie auch immer es sich verhalten haben mag, sicher ist: Als ehemaliger Hamburger Justizminister weiß der Vorsitzende des Vereins „Sterbehilfe Deutschland“ natürlich, dass Politiker mit ihren Absichtserklärungen oder höflich vorgetragenen Wünschen nicht nur Schlagzeilen zu produzieren vermögen, sondern bisweilen auch schlafende Hunde wecken und Gegner an die Barrikaden rufen.

So gesehen wundert es kaum, dass die Große Koalition den von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) Anfang Januar via „Rheinische Post“ unternommenen Vorstoß („Ich wünsche mir, dass wir jede geschäftsmäßige Hilfe zur Selbsttötung unter Strafe stellen“) schnell wieder einfing. Dabei lief zunächst alles für den neuen Gesundheitsminister. Gröhes Vorpreschen wurde umgehend von den katholischen Bischöfen, dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) sowie Patientenschützern und Lebensrechtlern begrüßt. Auch der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Merkel-Vertraute Volker Kauder (CDU) fand Gefallen an dem Vorstoß und kündigte einen „interfraktionellen Antrag“ an. Mit dem Fuldaer Bundestagsabgeordneten Michael Brand (CDU) präsentierten CDU/CSU sodann gleich auch noch ein Gesicht, das die Arbeit daran für die Unionsfraktion koordinieren sollte. Das von Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) geführte Ressort ließ wissen, es verfolge in dieser Sache keine eigenen Pläne. Die SPD-Fraktion stellte Brand mit Fraktionsvize Eva Högl eine Gesprächs- und den Medien eine Ansprechpartnerin zur Seite. Der ehemalige SPD-Chef Franz Müntefering, der sich um die Pflege seiner krebskranken Frau gekümmert hatte, stieg gegen den früheren MDR-Intendanten Udo Reiter in den Ring und räumte in der „Süddeutschen Zeitung“ kraftvoll wie eh und je mit der Illusion auf, dass ein „Sterben in Würde“ eines sei, bei dem man den Tod selbst oder mit Hilfe anderer eigenmächtig herbeiführe. Mehr noch: Weit und breit meldete sich niemand zu Wort, der erkennen ließ, dass er Gröhe in die Suppe spucken wolle. Im Gegenteil: Manche erhoben gar Forderungen nach einem noch weitergehenden Verbot.

Doch dann passierte, was in solchen Situationen immer passiert. Irgendein Medium – in diesem Fall das Online-Portal der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ – veröffentlichte eine von ihm selbst in Auftrag gegebene Umfrage. Und siehe da: Am 21. Januar tönte durch die Republik, die Mehrheit der Deutschen (72 Prozent) wollten gar kein Verbot der Beihilfe zum Suizid. Und schlimmer noch: 66 Prozent forderten gar, die „Tötung auf Verlangen“, die in den benachbarten Benelux-Ländern Niederland und Belgien bereits seit Jahren praktiziert wird, auch in Deutschland zu legalisieren.

Grund genug für die Politik, auf die Bremse zu treten. Schnell wurden aus dem interfraktionellen Antrag mehrere unterschiedlich weitreichende Gruppenanträge, die nun noch auf die lange Bank geschoben werden sollen. Frühestens 2015 könnten sie im Bundestag debattiert werden. Bis dahin wolle man eine breite gesellschaftliche Debatte führen, heißt es übereinstimmend.

Dabei ist Gefahr durchaus im Verzug. Denn das Geschäft der selbst ernannten „Sterbehelfer“ mit dem fremden Tod boomt. Nicht nur in der Schweiz, wo die Zahl der begleiteten Suizide von 187 (2003) auf 431 (2011) angestiegen ist, sondern auch in Deutschland. Selbst die Zeit der finanziellen Zurückhaltung, die sich Vereine wie der von Roger Kusch zwischenzeitlich auferlegten und mit dem sie sich gegen den Vorwurf wappneten, ihnen ginge es nur um Profit, ist passé. Ende Januar gab sich der Verein eine neue Satzung. In ihr wurde ein Passus ersatzlos gestrichen, den der Verein dort erst vor rund 14 Monaten hineingeschrieben hatte. Er lautete: „Um zu dokumentieren, dass der Verein keinerlei wirtschaftliche Zielsetzung hat, zahlt er im Falle eines begleiteten Suizids sämtliche Geldbeträge zurück, die er zuvor von dem Mitglied erhalten hat.“ Der Passus war notwendig geworden, um nicht von einem, von Ex-Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) im Auftrag des schwarz-gelben Koalitionsausschusses erarbeiteten Gesetzentwurf bedroht werden zu können, der lediglich die gewerbsmäßige Suizidhilfe bei Strafe verbieten wollte. Kritiker sahen damals in der Satzungsänderung des Vereins „Sterbehilfe Deutschland“ den Beleg für die Untauglichkeit des Gesetzentwurfs der Bundesregierung, der dann auch nie zur Abstimmung kam. Kusch und Konsorten könne der Gesetzgeber nur durch ein Verbot der organisierten Suizidhilfe das Handwerk legen. Andernfalls ließen sich Vereine wie der von Kusch stets so organisieren, dass sich das Gesetz nicht auf sie anwenden lasse.

Seit der Verschiebung des neuen Anlaufs für ein wirksames Verbot hat Kusch und sein Verein wieder Oberwasser. 7 000 Euro kostet laut neuer Satzung dort jetzt die „Mitgliedschaft S (Lebensmitgliedschaft mit Sonderbeitrag)“. Der einmalig zu entrichtende Betrag wird „fällig mit Beginn der Mitgliedschaft“. Mit dieser Summe erwirbt das Mitglied gegenüber dem Verein gewissermaßen das Anrecht auf einen begleiteten „Express-Suizid“. Denn eine „Lebensmitgliedschaft“ kann auch bereits für die einmalige Zahlung von 2 000 Euro (Mitgliedschaft L) erworben werden. Nur dauert es dann ein Jahr, bis der Verein geprüft haben will, ob in dem zur Debatte stehenden Fall auch die „Voraussetzungen der Ethischen Grundsätze des Vereins“ erfüllt seien. Bei der Zahlung von 7 000 Euro geht das schneller. „Bei der Mitgliedschaft S entfällt die Wartefrist; hier bemüht sich der Verein, die Voraussetzung der Ethischen Grundsätze besonders zügig zu klären.“ Weiter heißt es in der neuen Vereinssatzung: „Bei Beendigung der Mitgliedschaft werden Mitgliedsbeiträge nicht zurückerstattet.“ Wer nur die „Mitgliedschaft V“ erwirbt – 200 Euro pro Jahr – muss übrigens mindestens drei Jahre (also 600 Euro lang) warten, bis der Verein auch ihm ein „Sterben in Würde“ ermöglicht. Wirklich interessant, diese „Würde“.

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