Kuckuck, Kuckuck, ruft's aus dem Wald

Finanzkrise? Rezession? Für so etwas hat Italien doch keine Zeit!

Von Guido Horst

Es ist eine goldene Regel für gehobene Zeitungsorgane, dass pro Ausgabe ein Artikel ruhig unverständlich (das heißt geheimnisvoll) sein kann. Heute ist das dieser hier: Während also eine ungeheure Wirtschaftskrise auf Europa und seine Autobauer zurast, ein Rezessions-Tsunami sozusagen, ticken die Uhren in Italien wieder einmal anders. Mit den Stimmen der Rechten hat das Parlament einen Senator der Linken zum Präsidenten der obersten Aufsichtsbehörde des staatlichen Fernsehens gewählt. Ein Posten so wichtig wie der des Aufsehers über die Geheimdienste. Mit diesem hat man die auswärtigen Feinde im Griff, mit der Aufsicht über das Staatsfernsehen die Gehirne der Fernsehnation. Beide Posten gehen traditionsgemäß und aus Gründen des demokratischen Anstands an einen ehrbaren Vertreter der Opposition. Nun ist aber der gewählte oberste Fernseh-Aufsichtsrat, ein Hinterbänkler namens Riccardo Villari, gar kein Linker, sondern im Herzen ein Mann des schlauen Berlusconi, der schon das italienische Privatfernsehen kontrolliert. Die Schlacht tobt, die Linken bedrängen ihren eigenen Mann, freiwillig wieder zurückzutreten. Der will aber nicht und sagt: Gewählt ist gewählt.

Über Berlusconi ergießen sich nun kübelweise heftigste Schmähungen der Opposition, so dass dieser in laufende Talkshows hineintelefonieren muss, um sich zu Gehör zu bringen. Dabei hatte die Woche für Berlusconi so nett begonnen, in Triest, als er Angela Merkel empfing. Hinter einer Säule versteckt ließ er die Kanzlerin an sich vorbei laufen, um sie dann mit einem „Kuckuck“ (italienisch „cucu“) auf den Lippen von hinten zu überraschen. Schön könnte das Leben sein. Stattdessen dreschen Regierung und Opposition nun wegen des Kuckuckseis Villari aufeinander ein, als würde es sonst auf der Welt nichts geben.

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