Krise kommt bei Spitzenunternehmen an

Bisher exportstarke deutsche Firmen melden Gewinn- und Auftragsrückgänge – Kurzarbeit droht – EU hält an Defizitverfahren fest

Würzburg (DT/dpa/sei) Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise wirkt sich immer sichtbarer auf die bisherigen Leistungsträger der deutschen Volkswirtschaft aus. Gestern haben mehrere wichtige, exportstarke Unternehmen, darunter Marken, die für die bisherige Wirtschaftsstärke in Deutschland standen, Verluste oder zurückgehende Gewinne sowie Auftragsrückgänge gemeldet und Entlassungen nicht mehr ausgeschlossen. Es droht vor allem ein Verlust an Vollzeitarbeitsplätzen mit Festanstellung, die in zeitlich begrenzte Leiharbeitsverhältnisse umgewandelt werden. So rechnete gestern etwa das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle mit einer deutlichen Ausweitung der Zeitarbeit, die dann nicht allein geringer Qualifizierte, sondern auch höher- und hochqualifizierte Berufe treffe.

Weiteres Zeichen für eine Verschärfung der Wirtschaftskrise: Gestern beschloss die Bundesregierung, dass Banken verstaatlicht werden können, wenn sie mit dem Rücken zur Wand stehen und Verluste der Einleger und Sparer drohen, das sogenannte „Rettungsübernahmegesetz“. Gleichzeitig geraten die Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU), die solche Rettungsgesetze und Konjunkturpakete bezahlen müssen, unter Druck, weil die EU-Kommission am Mittwoch in Brüssel bekräftigte, auch in der Finanzkrise Strafverfahren gegen Staaten einzuleiten, deren Neuverschuldung drei Prozent vom Bruttoinlandsprodukt übersteigt. Die Kommission rechnet für Deutschland im kommenden Jahr mit einem Defizit in Höhe von 4,2 Prozent.

Was gestern zusätzlich die Wirtschaftswelt beunruhigte, war, dass in Deutschland nicht allein angeschlagene Autobauer wie Opel, sondern zusehends auch bisher gesunde Unternehmen in den Abwärtssog geraten. So wagte etwa einer der Marktführer der Chemiebranche, der Darmstädter Pharma- und Spezialchemiekonzern Merck, nach einem überraschend deutlichen Umsatzrückgang im vierten Quartal des vergangenen Jahres keine Prognose für das laufende Geschäftsjahr. Das Unternehmen denkt sogar über Kurzarbeit im Sommer für rund 1 000 Mitarbeiter nach, so eine Mitteilung.

Der Sportartikelhersteller Puma aus Herzogenaurach musste einen Rückgang des Konzerngewinns im vergangenen Jahr von 13,5 Prozent melden. Zum Jahresende seien um 5,4 Prozent weniger Aufträge in den Büchern gelistet als ein Jahr zuvor. Das Jahr 2009 werde eine „große Herausforderung“, sagte Puma-Vorstandschef Jochen Zeitz.

Besorgt in den Zukunft blickt auch der renommierte Kamerahersteller Leica in Solms. Für das Geschäftsjahr 2008/09 erwartet der Konzern ein Minus „mindestens im höheren einstelligen Bereich“, so das Unternehmen in einer Mitteilung, dessen Minus zum Halbjahr 2008 schon 7,2 Millionen Euro betragen hatte.

Einbrüche treffen auch Maschinen- und Schiffsbauer, die bisher mit am stärksten den deutschen Export angekurbelt hatten: Bei der Howaldtswerke-Deutsche Werft AG in Kiel etwa fallen laut Kiels IG-Metall-Chef Wolfgang Mädel vier von sechs Aufträgen für Mega-Yachten weg, weil den Bestellern aus Russland offenbar das Geld ausginge. Demnach reiche der Auftragsbestand der Werke noch für zwölf bis 16 Monate.

Und auch das S-Dax-Unternehmen Homag, nach eigenen Angaben einer der Weltmarktführer für Maschinen in den Bereichen Möbel- und Bauelementeproduktion, muss einen Auftragsrückgang gegenüber dem Vorjahr um knapp die Hälfte im Abschlussquartal 2008 verkraften.

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