Frankfurt

Krieg gegen unsere Zivilisation

Frankreichs Staatspräsident Macron hatte Recht, als er von einem Krieg des Islamismus gegen den Westen sprach. Es gilt nun, Rückschlüsse für den Kampf gegen den politischen Islam zu ziehen.

Beratungen über Islamisten-Terror
Findet die EU zu einem gemeinsamen Weg im Kampf gegen den islamistischen Terror? Bundeskanzlerin Angela Merkel beriet am Dienstag darüber mit Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron, dem österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz, dem niederländischen Ministerpräsidenten M... Foto: Markus Schreiber (AP POOL)

Der französische Präsident hat dem politischen Islam in einer lange angekündigten Rede Anfang Oktober den Kampf angesagt. Sein Auftritt fand während des Prozesses gegen die Hintermänner des Anschlags statt, bei dem im Januar 2015 die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo ausgelöscht wurde. Die Zeitschrift hatte mehrfach Karikaturen Mohammeds herausgebracht, die in der muslimischen Welt mit wütenden Protesten und massenhaften Mordaufrufen beantwortet wurden. Die Attentäter hatten diese Parolen in die Tat umgesetzt, das Büro und einen nahe gelegenen jüdischen Supermarkt gestürmt und 15 Menschen erschossen. Das Gerichtsverfahren begann unter drastischen Sicherheitsmaßnahmen, die zeigten, dass die Gefahr seitdem keinesfalls gebannt war.

Überlebende Zeugen mussten wegen ernst zu nehmender Morddrohungen an sichere Orte gebracht werden und ein muslimischer Extremist griff zwei Personen in der Nähe des ehemaligen Redaktionsgebäudes mit dem Messer an. Das Klima der Einschüchterung war omnipräsent und man sprach bereits von einem Erfolg des islamischen Extremismus. Nach Macrons Rede, die dazu führte, dass er von Muslimen weltweit als Feind des Islam gebranntmarkt wurde, ereigneten sich weitere mit äußerster Brutalität ausgeführte Morde, darunter derjenige an dem Lehrer Samuel Paty und drei Menschen in einer katholischen Kirche in Nizza. Frankreich wird seit vielen Jahren von islamistischem Terror erschüttert und daher hat der französische Präsident Recht, wenn er den Begriff des Krieges verwendet, den Islamisten selbst in ihren Pamphleten benutzen. Im Internet kursieren regelrechte Anweisungen, mit welchen Mitteln dieser Krieg geführt werden soll, wie sich Attentäter im Westen tarnen können und welche Wirkungen mit Enthauptungen, wahllosen Erschießungen und Sprengstoffanschlägen bezweckt werden.

Terror  gegen die westlichen Gesellschaften

Islamistischer Terror ist ein globales Phänomen, von dem hauptsächlich Menschen in der islamischen Welt betroffen sind: religiöse Minderheiten und Muslime, die nicht in einer islamischen Diktatur leben möchten. Doch er richtet sich auch gegen den Westen, der aufgrund der verbürgten Freiheitsrechte der erklärte Feind dschihadistischer Eiferer darstellt. Nicht nur in Frankreich, sondern in allen westlichen Gesellschaften sind die Gleichberechtigung der Geschlechter, die Meinungsfreiheit und die Freiheit, die Religion zu wechseln, gesetzlich geschützt. Islamisten lehnen all dies ab. Ihr Ziel ist eine Gesellschaft, die sich an den Werten des 7. Jahrhunderts auf der arabischen Halbinsel orientiert. Dieses Ziel versuchen sie mit allen Mitteln durchzusetzen. Auch in Europa. Ihre Basis sind muslimische Parallelgesellschaften in europäischen Ländern, in denen das geltende Recht bereits vielerorts außer Kraft gesetzt ist.

In Frankreich sind es, einer im Januar veröffentlichten Studie des Islamwissenschaftlers Bernard Rougier zufolge, bereits 150 Kommunen, die vollständig in der Hand von Islamisten sind. Dort gehen Kinder nicht mehr in staatliche Schulen, Frauen sind aus der Öffentlichkeit verbannt und man orientiert sich an der Scharia. In diesen Milieus wird Hass auf alles „Unislamische“ gepredigt. Solche abgeschotteten Stadtviertel existieren auch in anderen europäischen Staaten.

Ansätze zu islamistischer Segregation

Beispielsweise in Belgien, in Schweden oder in Großbritannien. In Deutschland gibt es ebenfalls Ansätze zu islamistischer Segregation. Wir haben Stadtviertel im Rhein-Main-Gebiet, in Berlin, in Niedersachsen und in Nordrhein-Westfalen, in denen nicht mehr deutsch gesprochen wird, radikale Imame oder Mitglieder von Clanen das Sagen haben und in denen der Staat unter Druck steht. Das wird besonders in Schulen ersichtlich. Nicht nur in Frankreich werden Schüler gemobbt und bedroht, die den Normen ihrer islamistischen Klassenkameraden keine Folge leisten, haben Lehrer Angst, den Nahost-Konflikt, den Holocaust oder die Evolutionstheorie zu behandeln, werden Lehrerinnen respektlos behandelt. In diesen Milieus stoßen Morde im Namen des Islam auf Zustimmung und der Extremismus gedeiht. Betroffen davon sind auch demokratisch gesinnte Muslime und muslimische Intellektuelle, die als Kritiker des politischen Islams gelten. Viele von ihnen stehen unter Polizeischutz und sind ihres Lebens nicht mehr sicher.

Macron hat angekündigt, beim Kampf gegen den Terror die dahinter stehende Ideologie und die segregierten muslimischen Milieus einzubeziehen. Darin unterstützt ihn der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz, und so kann man hoffen, dass es innerhalb der EU einen ernst zu nehmenden Ansatz geben wird, dem Missstand nicht nur mit Symbolpolitik zu begegnen. Es wäre wünschenswert, wenn Politik und Kirchen auch in Deutschland begännen, das Problem in seiner beängstigenden Dimension zu realisieren. Lange wurde alles tabuisiert und Kritik als „islamophobisch“ zurückgewiesen.

Jetzt merken wir, dass uns valide Forschungsgrundlagen fehlen, um geeignete Maßnahmen zu entwickeln, die dem Terror den ideologischen und sozialen Boden entziehen. Österreich hat gerade eine „Dokumentationsstelle politischer Islam“ eingerichtet. Vielleicht wäre dies auch eine gute Idee für Deutschland.

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Die Autorin ist Ethnologie-Professorin und Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam an der Frankfurter Goethe-Universität. Sie veröffentlichte 2019 „Politischer Islam: Stresstest für Deutschland“ (Gütersloher Verlagshaus).

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