Kommentar: Was Religionen verbindet

Von Guido Horst
Foto: dpa | Gemeinsam für den Frieden: Der verstorbene Papst Johannes Paul II. betet zusammen mit Vertretern christlicher Konfessionen, Buddhisten und Muslime am Grab von Franz von Assisi (Archivbild aus dem Jahr 2002).
Foto: dpa | Gemeinsam für den Frieden: Der verstorbene Papst Johannes Paul II. betet zusammen mit Vertretern christlicher Konfessionen, Buddhisten und Muslime am Grab von Franz von Assisi (Archivbild aus dem Jahr 2002).

Für manche ist Assisi ein Reizwort. In der Stadt des heiligen Franziskus setzte Johannes Paul II. am 27. Oktober 1986 ein Zeichen, das vor ihm noch nie ein Papst gesetzt hat: Er hatte nicht nur die Vertreter der christlichen Konfessionen, sondern auch der unterschiedlichsten Religionen zu einem Friedensgebet eingeladen. Noch heute erzählen eher traditionsbewusste Großväter ihren Enkeln von gräulichen Dingen, die da stattgefunden haben sollen: Tieropfer auf katholischen Altären, Zaubersprüche indianischer Medizinmänner. Manches Jägerlatein rankt sich um diese interreligiöse Geste des polnischen Papstes, der sich damals Kritiker in den eigenen Reihen geschaffen hat. Auch der Glaubenspräfekt zu jener Zeit, Kardinal Joseph Ratzinger, soll wegen der synkretistischen Signale, die von Assisi hätten ausgehen können, besorgt gewesen sein. Aber als treuer Diener seines Herrn hat er auch immer alles getan, um diese Bedenken auszuräumen.

Darum ist es eine kleine Überraschung, dass der Glaubenspräfekt von damals und heutige Papst am Neujahrstag wieder zu einem interreligiösen Friedenstreffen nach Assisi eingeladen hat – 25 Jahre nach der ersten Begegnung dieser Art. Man kann jetzt schon sicher sein: Was die Gefahr des Synkretismus angeht, wird Assisi 2011 „sauber“ sein. Sicher ist aber auch, dass in Benedikt XVI. immer mehr die Überzeugung gewachsen ist, dass den Religionen nicht nur eine große Bedeutung, sondern auch eine gemeinsame Aufgabe zukommt, wenn es um den Weltfrieden geht. Jetzt, am Neujahrstag, hat Papst Benedikt den Anschlag auf die Kopten in Alexandria verurteilt, Laizismus und Fundamentalismus als Bedrohung der Religionsfreiheit beklagt und mit dramatischen Worten an die Schikanierung von Christen in vielen Teilen der Welt erinnert. Benedikt XVI. verneigt sich vor der Intuition seines Vorgängers und erkennt an, dass das Zusammenwirken der Religionen zur Stärkung des Weltfriedens heute, 25 Jahre nach Assisi und zehn Jahre nach dem 11. September, noch einmal ein Stück weit wichtiger geworden ist.

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