Stuttgart

Kommentar um "5 vor 12": Krawall als Freizeitvergnügen

Die Stuttgarter Randale zeigt in welchem Maße die Gesellschaft verroht.

Randale und Plünderungen in Stuttgart
Das Schaufenster eines Geschäfts für Schuhe in der Königstraße wurde stark beschädigt, als mehrere Menschen in der Nacht zum Sonntag in der Stuttgarter Innenstadt randalierten. Es kam auch zu Plünderungen und Gewalttaten. Foto: Christoph Schmidt (dpa)

Vielleicht wird man einmal vom Stuttgarter Symptom sprechen. Denn auch wenn die Ermittlungen der Polizei noch nicht endgültig abgeschlossen sind, eines kann man jetzt schon sagen: Die Krawalle, die sich in der Nacht zum Sonntag in der Stuttgarter City zugetragen haben, deuten auf tiefsitzende Probleme in unserer Gesellschaft hin. Das kann man schon lange ahnen, aber jetzt ist es offenbar geworden. Auch wenn Ablauf und Umstände mit den besonderen Gegebenheiten in der baden-württembergischen Landeshauptstadt zu tun haben, so deutet die Gewaltbereitschaft auf Knopfdruck, die einen jugendlichen Mob innerhalb von kürzester Zeit sein Werk der Zerstörungswut verrichten lässt, auf ein hohes Maß an latent vorhandener Aggressivität, die gewiss nicht nur in Schwaben schwelt. Stuttgart ist ein weiteres Beispiel für eine Verrohungswelle, die schon seit längerer Zeit über das ganze Land schwappt.

Die Ursachenforschung ist nicht zu Ende

Die Ursachenforschung ist freilich hier noch nicht zu Ende. Sie fängt erst an. Dazu muss auch gehören, dass in dieser Debatte offen und frei diskutiert werden kann. Ohne Tabus und Denkverbote. Eine nicht richtig hin sehen wollende Weltfremdheit mag zwar fein und sensibel wirken, so werden aber keine Probleme gelöst. Einen ersten Schritt in die richtige Richtung hat der ehemalige Vorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, gemacht. Der Stuttgarter Bundestagsabgeordnete sprach auch von einer Verrohung der Umgangsformen. Und stellte fest, Jugendliche, vor allem auch mit Migrationshintergrund, würden immer mehr unserer Gesellschaft entgleiten. 

"Party- und Eventszene" - diese Bezeichnung für das Umfeld, aus dem die jugendlichen Randalierer stammten, hat für viel Aufregung gesorgt - zurecht, wenn dieser Begriff genutzt wird, um die Krawalle zu verharmlosen. So als ob das Ganze nicht mehr als eine etwas größere Wirtshausschlägerei gewesen wären. Aber bei einer anderen Lesart wird die eigentliche Herausforderung klar, vor der wir stehen: Es gibt offenbar eine nicht unbeträchtliche Zahl von Jugendlichen, die in der Anwendung von Gewalt ein Freizeitvergnügen sieht. Die Zersörung wird dann zum "Event", ja zur "Party". Agressivität wird zum Motor des Vergnügens. Wo kommen diese Aggressionen her, wo fing diese Fehlentwicklung an? Die Antworten sind nicht leicht zu finden, aber wir müssen sie finden.

 

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